Was auf der Wiese wächst

Mädchen inspiziert Löwenzahn mit einer Lupe
Heilende Kräuter stärken den Organismus beim Aufbau der körpereigenen Abwehr.

Die Heilpraktikerin und Pflanzenkundlerin Susanne Hackel betreibt in Potsdam ihre „Kräuterwerkstatt“. Wir sprachen mit ihr darüber, wie man Kindern die heimischen Wiesenkräuter nahe bringt und warum Blumen manchmal Süßigkeiten ersetzen können.
 

Kind untersucht eine Pflanze

Sie bieten in Potsdam Pflanzenführungen für Erwachsene an, bei denen auch Kinder dabei sein dürfen. Wie kann man Kindern Wiesenkräuter näher bringen? 

Ein handfestes Beispiel dafür, wie man Kindern Kräuter näher bringen kann, ist der Spitzwegerich, der am Wegesrand wächst. Zerreibt man die Blätter in der Hand, wirkt der Saft der Pflanze kühlend, lindernd und hilft gegen Juckreiz. 

So kann man Insektenstiche oder Brennesselbrand direkt vor Ort behandeln und den Kindern zeigen, dass eine Pflanze manchmal genau in dem Augenblick auf der Wiese zu finden ist und heilen hilft, wenn sie gebraucht wird. 

Kindern solche Erlebnisse zu verschaffen und Eltern dabei zu unterstützen, ihren Kindern die heimische Kräuterwelt nahe zu bringen, ist ein Ziel meiner Kräuterseminare und Pflanzenführungen. 

Welche Kräuter sind besonders wichtig für die Kinderheilkunde?

Gegen eine beginnende Erkältung hilft heißer Holundersaft, verdünnt und gewürzt mit Apfelsaft und Zimt, damit er besser trinkbar ist. Schon wenn man von einem Spaziergang wiederkommt und fröstelt, kann man sich und seine Kinder mit einem Holunderpunsch verwöhnen. Dann manifestiert sich die Erkältung erst gar nicht. Das gleiche gilt für Sanddorn.

Grundsätzlich sollte es das Ziel sein, den Körper so zu kräftigen, dass es erst gar nicht dazu kommt, dass Kinder zu oft krank werden. Das gelingt mit einer Kombination aus gesunder Ernährung, Kneipp-Anwendungen und viel Bewegung an der frischen Luft.

Kinder bekommen oft Fieber. Ein klassischer Tee zur Linderung von Erkältungsbeschwerden, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, ist eine Mischung aus Holunder-, Linden- und Weißdornblüten sowie Weißdornblättern.

Die Linde lindert. Sie wirkt entkrampfend und beruhigend – als wenn uns  die Mama über den Kopf streicht. Holunderblüten regen das Schwitzen an und senken so auf natürliche Weise das Fieber. Weißdornblüten schützen das Herz, das bei Fieber besonders viel arbeiten muss. 

Tasse Kräutertee
Holunder-, Linden- und Weißdornblüten und Weißdornblättern - ein klassischer Tee zur Linderung von Erkältungsbeschwerden

Zum Ende der Fastenzeit und zur Eröffnung der Kräutersaison wurde früher die „Gründonnerstagssuppe“ gekocht. Sie enthält „Neunerlei“ vom ersten Grün. Darin hat auch das Rezept der „Frankfurter Grünen Sauce“ seinen Ursprung. 

Welche heimischen Kräuter in die „Gründonnerstagssuppe“ gehören, ist nicht so festgelegt. Man nimmt einfach die Zutaten, die in der direkten Umgebung wachsen. Für Potsdam wären das z.B. Gänseblümchen, Brennessel, Giersch, Scharbockskraut, Veilchen, Bärlauch, Berliner Lauch, Spitzwegerich und Gundermann.

Das damit verknüpfte Ritual ist die Zubereitung einer Kraftsuppe. Die Idee ist: Wenn im Frühling das Leben wieder zu brummen anfängt, nehme ich diese Kraft in mich auf, wenn ich das neu sprießende Grün esse. Ich werde zum Teil der Natur. Die Kräuter sind wunderbare Vitaminspender nach einem langen Winter. 

Wie kann man lernen, die Pflanzen auf der Wiese zu erkennen?

Pflanzen kennen zu lernen ist ein langwieriger Prozess. Man sollte sich damit nicht unter Druck setzen. Ich lerne pro Jahr auch nur drei bis vier neue Pflanzen kennen. 

Es ist überhaupt nicht wichtig, dass man 100 Pflanzen mit Namen kennt. Zehn bis zwanzig von denen zu kennen, die in der direkten Umgebung wachsen und einem selbst gut tun, reicht völlig aus. 

Manchmal wundere ich mich bei meinen Kräuterspaziergängen über die Frage, womit man diese oder jene Pflanze verwechseln kann. Das liegt daran, dass ich persönlich finde, dass man sie eigentlich nicht wirklich verwechseln kann. Nicht, wenn man sie wirklich kennen gelernt hat. 

Ich lasse die Leute die Pflanzen malen. Was man gemalt hat, hat man tatsächlich gesehen. Man sieht auf diese Weise viel mehr, als wäre man nur schnell vorbei gegangen.

Pflanzen kennen zu lernen hat mit einer Langsamkeit zu tun, wie wir sie heute kaum noch erleben. Ich frage mich: Wie sieht diese Pflanze im Frühjahr aus – wie im Herbst? Es ist ein langsamer Prozess, so als würde man einen Menschen kennen lernen. 

Auch Pflanzenbestimmungsbücher sind in diesem Fall nicht gerade hilfreich. Es ist, als würde man in einen Ausweis schauen, um einen Menschen kennen zu lernen: Man bekommt ein paar Eckdaten, erfährt aber nichts Wesentliches.

Das ist es, was ich mit Langsamkeit meine: Ich weiß mehr über eine Birke, wenn ich einen halben Tag lang darunter gesessen habe. Wie ist das Licht dort? Welche Pflanzen finde ich zwischen ihren Wurzeln? Welche Tiere kommen vorbei? Unter einer Birke zu sitzen ist etwas ganz anders, als unter einer Eiche zu sitzen – das ist nicht ohne Grund so.

Kräuterhaufen
Ich lasse die Leute die Pflanzen malen. Was man gemalt hat, hat man tatsächlich gesehen und kann man eigentlich nicht wirklich verwechseln

„Blumen statt Schokolade“ heißt eines Ihrer Seminare. Kann man mit Hilfe von Blumen und Kräutern besser auf Süßigkeiten verzichten? 

Ich lebe mit Kräutern und nehme damit die Jahreszeiten besonders stark wahr. Das Frühjahr – in der Zeit vor Ostern – beginnt in unserem Kulturraum mit der klassischen Fastenzeit. 

Das erste Grün im Frühjahr dient der Entschlackung. Ich verzichte in jedem Jahr vor Ostern auf Zucker. Im Freundeskreis stieß diese Idee auf Interesse, und immer mehr Bekannte haben sich meinem Zuckerverzicht angeschlossen. 

Über die Jahre wird es auch immer leichter, sich daran zu halten. Die Geschmackswahrnehmung wird in dieser Zeit intensiver. Denn die starke Süße von Haushaltzucker ist im Grunde ein plumper, vordergründiger Geschmack. Zucker macht den Appetit kaputt.

hübsch dekoriertes Rosenrisotto
Risotto mit Heckenrosen aus dem Seminar „zerbrechlich rosa“. Susanne Hackel kocht farbige Geschichten.

Wie das? Eigentlich sagt man ja: Viel Zucker zu essen macht Lust auf immer mehr – regt also den Appetit an?

Das ist nicht der „gesunde Appetit“. Ich unterscheide zwischen Heißhunger auf Süßigkeiten und dem „gesunden Appetit“. Wer einen gesunden Appetit hat, kann zwischen Hunger und Sättigungsgefühl unterscheiden. Und isst, wenn es wirklich ums Essen geht.

Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl für das Essen, was dem eigenen Körper gut tut. Unser Bedarf orientiert sich immer mehr am eigenen Körpergefühl. 
Manche Seminar-Teilnehmer – vor allem Frauen – erzählen mir, dass sie Schokolade essen, wenn sie zuhause sitzen und sich langweilen. Oder wenn sie Kummer haben. In diesem Fall brauchen sie eigentlich keinen Zucker, sondern etwas, was der Seele gut tut. 

Mir ging es ähnlich. Also habe ich mir Blumen gekauft, immer wenn ich „Seelennahrung“ brauchte. Sie machen das Leben auch süß. Und meine Wohnung wurde damit immer schöner.

Wer beim Kochen ein Fest für das Auge veranstaltet und mit bunten Blüten und vielen Kräutern arbeitet, die ätherische Öle mitbringen, braucht so etwas plattes wie Zucker bald nicht mehr. Leichte Süße – wie die von geriebenem Apfel – reicht dann vollkommen aus.

Was kann dabei helfen die zuckerfreie Zeit durchzuhalten?

Zur Begleitung der zuckerfreien Zeit empfehle ich Kräuter und Salate mit Bitterstoffen. Sie regen den gesunden Appetit an und sind das natürliche Gegenstück zum Zucker. Bitterstoffe wirken auf den Zuckerkonsum wie eine Stopptaste. Mit ihnen gelingt der Ausstieg aus dem Zucker-Hype-Wahnsinn.

Viele Frühlingskräuter sind bitter. Bitterstoffe regen die Entgiftung der Leber an. Menschen, die im Stress sind, werden dadurch gelassener. Phlegmatiker bekommen einen stärkeren Antrieb. 

Bitterstoffe tragen zur Entkrampfung der Muskulatur bei. Verdauung und Durchblutung werden angeregt. Endlich bekommen wir warme Hände und Füße – ein ansonsten ja typisches Frauenproblem in der kalten Jahreszeit. 

Bitterstoffe regen auch die Darmbewegung an und kräftigen den Körper. Nicht ohne Grund boten die mittelalterlichen Bader ein Lebenselixier an. Dahinter verbarg sich oft eine Mischung aus verschiedenen bitteren Kräutern.

Die Kunst liegt darin, die Bitterstoffe richtig zu dosieren. Wer sich endlich dazu durchgerungen hat, auch bittere Kräuter zu sich zu nehmen, meint im ersten Augenblick „viel hilft viel“. Doch wenn man sehr viele Bitterstoffe zu sich nimmt, kann der auf den Körper ausgeübte Reiz zu groß sein. 
Starke Reize töten, sanfte Reize heilen. Bitterstoffe müssen immer so dosiert sein, dass es zu einem Menschen passt. Ist jemand sehr sensibel, reicht schon wenig aus. Meist merke ich die richtige Dosierung daran, dass die Kräutermischung dem Klienten noch schmeckt – z.B. als Fastentee. Ist das Körpergefühl wieder hergestellt, stellt sich schließlich auch wieder ein Gefühl für die richtige Dosis von Reizen ein, die von bitteren Stoffen oder  ätherischen Ölen ausgehen. 

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview führte Elisabeth Voigt.

www.susannehackel.de


Heilpflanzen für Kinder

Abbildung Susanne Hackel
Susanne Hackel bietet Kräuterseminare in Potsdam an.

Oft braucht es nur eine kleine Unterstützung, um einem Kind beim Gesundwerden zu helfen. Das kindliche Immunsystem reift noch heran und braucht die Auseinandersetzung mit Bakterien und Viren ein Stück weit. Heilende Kräuter unterdrücken die Erkältung nicht, sondern stärken den Organismus beim Aufbau der körpereigenen Abwehr.

Nicht ohne Grund gibt man erkälteten Kindern schon immer gern Hagebutten- und Pfefferminztee. Freilich ist die Wirkung von Teebeuteln beschränkt. Der Aha-Effekt stellt sich ein, wenn man zu den echten Kräutern greift. 

So sind frische oder getrocknete Hagebuttenschalen eine Vitaminbombe. Sie enthalten mehr Vitamin C als Orangen, Zitronen oder Sanddorn, zudem die nervenstärkenden Vitamine der B-Gruppe, Mineralstoffe und Spurenelemente. 

Bei Kindern ab 6 Jahren kann man bei Fieber und Mattigkeitsgefühl Waschungen mit einen Sud aus frischen oder getrockneten Pfefferminzblättern durchführen. Das wirkt belebend, weil die in den Blättern enthaltenen ätherischen Öle ein erfrischendes, kühles Gefühl auf der Haut hinterlassen.

Solche Rezepte und viele wertvolle Tipps – geordnet nach den häufigsten Erkrankungen bei Kindern – finden sich in dem umfangreichen Ratgeber „Heilpflanzen für Kinder“ von Ursel Bühring, Helga Ell-Beiser und Michaela Girsch, der im Ulmer Verlag erschienen ist.

 

Bilder: © Myst; Miredi; Klaus Eppele; isavira; Alexandr Vasilyev/stock.adobe.com; Ulmer Verlag