„Teetied“ in Ostfriesland

Tee am Strand
Der 11-Uhr-Tee schmeckt nicht nur in der gemütlichen Teestube, sondern auch unter freiem Himmel am Strand, wo die Wolken am Himmel mit den "Wölkie" in der Tasse wetteifern.

300 Liter Tee jährlich trinkt ein Ostfriese in Durchschnitt. Rund zehnmal so viel wie im restlichen Deutschland, wo der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr nur bei 28 Litern liegt. Tatsächlich halten die Ostfriesen damit den Weltrekord. Daher wurde ihre Teetradition jetzt offiziell in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. 

Es ist „Teetied“ in Ostfriesland, und die Uhr steht still. Mit bewusst gesetzten, gleichmäßigen Bewegungen fließt der Tee auf den knackenden Kandis. Sahnewölkchen steigen aus der Tasse. Die Zeit, die es braucht sie zu beobachten, möchte man sich bewusst nehmen. Ostfriesische Teekultur ist Meditation. Wenn man ausgeglichen und gestärkt daraus hervorgeht, liegt das nicht nur an dem hochwertigen Tee und dem guten Wasser, das in Ostfriesland besonders weich ist. Es liegt auch am immer gleichen Ablauf und dem Gleichmut, der daher kommt, dass man sich im Augenblick des Teegenießens nur darauf – und auf nichts anderes –konzentriert. Der Kopf ist im Leerlauf, alles andere muss eine Zeit lang warten. 

Diese tägliche innere Einkehr ist schätzens- und schützenswert, fand die Deutsche UNESCO-Kommission und nahm die ostfriesische Teekultur offiziell in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes auf. Damit ist die Voraussetzung für eine internationale UNESCO-Anerkennung geschaffen. 

Schwarztee aus Assam

Die Jury befand: Die ostfriesische Teezeremonie ist Teil der ostfriesischen Identität. Sie prägt den Tagesablauf, das familiäre und berufliche Miteinander, die Sprache und die Wirtschaft. Dazu gehört zu allererst die „Echte Ostfriesische Mischung“, die sich nur so nennen darf, wenn der Tee in Ostfriesland gemischt und verpackt wurde. Für die kräftige Schwarztee-Mischung hat jedes Unternehmen sein eigenes Rezept. Dessen Basis sind verschiedene Assam second flush Tees – also Tees der zweiten Ernte einer Saison, die zwischen Juni und Juli gepflückt werden. Deren voller, malziger Geschmack wird durch Tees anderer Ursprünge ergänzt, z.B. aus Ceylon (Sri Lanka), Darjeeling oder Indonesien.

„Jede Marke hat ihre spezielle Komposition mit einem ganz eigenen Charakter und spricht mit ihrem unverwechselbaren Geschmack unterschiedliche Tee-Trinker an“, sagt Dr. Matthias Stenger, Leiter des Ostfriesischen Teemuseums Norden. Viele Teekenner schwören auf „ihre“ Sorte und würden nie wechseln. 

Drei große Tee-Firmen teilen sich die Marktanteile in Ostfriesland: Onno Behrends Tee aus Norden, Thiele Tee aus Emden und Bünting Tee aus Leer. 

Die Firma Onno Behrends ist der größte Teeproduzent in Ostfriesland. Jedes Jahr werden 5000 Tonnen Tee verarbeitet und kommen vor allem als Teebeutel in den Handel. Um die Umwelt zu schonen, sind die Teebeutel komplett biologisch abbaubar. So ist der Beutel aus Bananenhanf, die Etiketten werden mit Lebensmittelfarbe bedruckt, und das Unternehmen verzichtet auf Metallklammern. Stattdessen wird der Faden am Beutel angenäht. Eine „Nähmaschine“ die speziell dafür in der Stadt Norden entwickelt wurde, ist weltweit die erste ihrer Art. Innerhalb von zwei Monaten verbraucht sie 40.000 Kilometer Baumwollfaden. In seiner Gesamtlänge würde dieser einmal rund um die Erde reichen. 

Frank Thiele, Inhaber des gleichnamigen Familienunternehmens in Emden, ist einer der besten Tee-Tester Deutschlands. Aus verschiedenen losen Schwarztees komponiert er jedes Jahr im Mai mit den aus Indien angelieferten Teeproben eine für das Haus typische Mischung. Bis zu 400 Sorten Tee probiert er dafür am Tag, um sich am Ende auf 20 Tees festzulegen.  

Bünting Tee hat mitten in der schönen historischen Altstadt Leers ein eigenes Teemuseum und bringt dort in „Teestunden“ auch Kindergarten- und Schulkindern die ostfriesische Teekultur nahe. Denn der Schwarztee gehört so sehr zum Leben, dass er in Ostfriesland auch schon von Kindern genossen wird. 

Schwarztee mit "Wölkie"
Höhepunkt jeder "Teetied" ist der Augenblick in dem "dat Wölkje" aufsteigt. Jetzt bloß nicht umrühren!

Ostfriesische Teezeremonie

Teekanne mit Stövchen
Es kommt beim ostfriesischen Tee auf die Kontraste an, die nach und nach geschmacklich erlebt werden: kräftig der Tee, mild die Sahne, süß der Zucker.

Doch nicht nur in Leer gibt es Teeseminare. Auch das Teemuseum in Norden weist seine Besucher zu regelmäßigen Terminen in die „Ostfriesische Teezeremonie“ ein. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Der Tee wird nicht getrunken, um den Durst zu stillen, sondern um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen.

Daher steckt in einem Ostfriesenwitz viel Wahrheit, der besagt, dass die Ostfriesen eine Parole der französischen Revolution auf Anhieb begriffen hätten: liberté. Lieber Tee zu zelebrieren, ist ostfriesische Freiheit.

Für ein authentisch ostfriesisches Teeerlebnis braucht man eine dickbauchige Kanne mit Stövchen und passende Tassen, am besten mit einem Muster in Friesisch Blau oder verziert mit der purpurfarbenen ostfriesischen Rose. Dazu eine schmucke, silberne „Kluntjezange“ und einen „Rohmlepel“ – ein Sahnelöffel mit gebogenem Griff, der wie eine winzige Schöpfkelle aussieht.

Was den Geschmack des Wassers angeht, sind die Ostfriesen eigen. Das flache Land und die Nähe zum Meer, sorgen für eine besondere Trinkwasserqualität, auf die viele Ostfriesen stolz sind. Das geht so weit, dass manch einer seinen eigenen Trinkwasserkanister mit in den Urlaub nimmt. Der Tee schmeckt mit dem weichen, kalkarmen Wasser einfach besser.

Bei der traditionellen Zubereitung werden pro Liter Wasser 10 Gramm loser Tee in die Kanne gegeben und mit sprudelnd heißem Wasser aufgegossen. Dabei wird die Kanne zunächst nur halb mit Wasser gefüllt; erst nach drei bis fünf Minuten Ziehzeit gießt man sie voll. Ein winziger „Teebesen“ in der Tülle sorgt dafür, dass die Teeblätter später beim Ausgießen nicht in der Tasse landen. 

Alsdann kommt in jede Tasse ein „Kluntje“ – ein großer Brocken weißer Kandis – der mit der „Kluntjezange“ gegriffen wird. Früher gehörte die silberne Zuckerzange zur Aussteuer jedes Mädchens und wurde zur Konfirmation verschenkt. Die Handhabung der filigranen Zange, mit der der große Kandisbrocken gegriffen werden soll, bedarf allerdings jahrelanger Übung. Die Überwindung der Distanz zwischen „Kluntjepott“ und der „Tass“ oder dem „Koppke“, ohne dass der Zucker auf der Tischdecke landet, ist so kritisch, dass es Neueinsteigern durchaus erlaubt ist, den Kandis mit der Hand in die Tasse zu befördern. 

Viel wichtiger ist es, auf das Knistern des zerberstenden Kandis zu achten, während der Tee langsam in die Tassen gegossen wird. Das vertraute Geräusch stimmt auf den Tee-Genuss ein und zeigt an, dass der Tee beim Eingießen heiß genug war. 

Manche Kenner finden, die Tasse sollte nur halb voll gegossen werden, damit noch eine Spitze des weißen Kluntje aus dem tiefbraunen Tee herausragt — wie eine Insel aus dem Meer. 

Nicht umrühren!

Um den so entstandenen Gipfel herum legt der Genießer mit dem Sahnelöffel behutsam eine dicke Sahnewolke, die sich langsam vom Kluntje zum Tassenrand ausbreitet und zunächst versinkt. Die Sahne wird in einer Bewegung gegen den Uhrzeigersinn eingegossen, um beim Tee trinken symbolisch die Zeit anzuhalten. 

Das ist der Moment, in dem auch das Innehalten seinen emotionalen Gipfel erreicht hat, in dem der Kreis von Eingeweihten dem Geschehen in der Tasse seine ganze Aufmerksamkeit schenkt: „dat Wulkje“ (die Wolke) steigt auf.

Ein paar Anfängerfehler zeigen mit einer für Ostfriesen schmerzhaften Deutlichkeit, wenn sich dem Neuling der Sinn der Zeremonie nicht erschlossen hat. So bleibt die Tasse beim Einlegen des Kluntje und beim Eingießen der Sahne unter allen Umständen auf dem Tisch stehen, damit der Tee in Ruhe bleibt, so wie auch die Teetrinker.

Und auch der Griff zu Teelöffel, der auf der Untertasse scheinbar zum Umrühren parat liegt, ist Tabu. Denn jetzt ist der Tee trinkfertig – ohne umzurühren. Es kommt beim Genuss des ostfriesischen Tees auf die Kontraste an, die nach und nach geschmacklich erlebt werden: Kräftig der Tee, mild die Sahne, süß der Zucker.  

Das Leben wartet, wie der Wechsel der Gezeiten und der Wind über dem platten Land, immer wieder mit Überraschungen auf: „Tee as Ölje, Kluntje as'n Sliepsteen un Room as'n Wulkje“ – Tee wie Öl, Kandis wie ein Schleifstein und Sahne wie ein Wölkchen. 

Friesische Küste mit Leuchtturm und Schafen

 

Der Tag richtet sich nach dem Tee

Zu einem vollständigen Teeservice gehören der „Treckpott“, also die Teekanne und ein passendes Stövchen sowie die „Tass“ oder das „Koppke“. Die „Kluntjes“ entnimmt man mit der Zuckerzange der Zuckerdose oder -schale. Und mit dem Sahnekännchen wird ein spezieller „Rohmlepel“, ein hübscher Sahnelöffel mit gebogenem Griff verwendet, der einer winzigen Schöpfkelle ähnelt. 

Sechs Teezeiten sind in Ostfriesland durchaus üblich, sie geben dem Tag Rhythmus und Struktur. Dazu gehören unter anderem der erste Tee am frühen Morgen, das „Elführtje“ als Teepause am späten Vormittag und der Nachmittagstee, der um 15 Uhr herum serviert wird. Auch am Abend wird Tee getrunken. So gilt praktisch rund um die Uhr das gastfreundliche Motto „Ostfriesische Gemütlichkeit hält stets ein Tässchen Tee bereit“. Auch viele Redewendungen ranken sich um das „Nationalgetränk“: „Erstmal en Koppke (oder je nach Region ´n Tass) Tee!“ Schon klären sich die Dinge von selbst… 

Die Teetied ist nicht zuletzt auch immer eine Gelegenheit für einen geselligen „Klönschnack“. Die Ostfriesen haben bei ihrem Ritual ausgesprochen gern Gäste. Denn die Teetied verbindet und ist wichtiger Ausdruck der Gastfreundschaft. Schlürfen ist übrigens durchaus erlaubt.

Als Gast sollte man wissen: Ist die Tasse ausgetrunken, bekommt man ohne Aufforderung nachgeschenkt – und zwar mindestens dreimal, denn: „Dree is Ostfreesenrecht!“ Drei Tassen sind Ostfriesenrecht. 

Dann kommt endlich der Teelöffel zum Einsatz: Möchte man keinen Tee mehr, verwendet man ihn als diskretes Zeichen. Steht der Löffel in der Tasse bedeutet das: Bitte kein weiteres Mal einschenken. 

Tee mit "Kluntjes"
Vom "Rohmlepel" - einem Löffel, der wie eine winzige Schöpfkelle aussieht - fließt die helle, dicke Sahne behutsam in den dunklen Friesentee.

Jahrhunderte alte Tradition

Teestube-Schild an roter Ziegelsteinmauer
Die Teestube im traditionellen Friesenhaus ist ein meditativer Ort. Ganz egal ob die Teepause allein genossen oder zu einem Treffen mit Freunden genutzt wird: Man kommt einen Moment zur Ruhe.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam der erste Tee nach Europa. Um 1610 brachten erstmals Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompanie Tee auf den Kontinent. Durch ostfriesische Schiffer, die für die Niederlande fuhren, dürfte er so schon bald nach Ostfriesland gelangt sein. Im Jahr 1720 existierte dort  bereits ein umfangreicher Teehandel – zunächst sogar von Friedrich dem Großen gefördert.

Nach dem Scheitern der Emder Ostasiatischen Handelskompanie versuchte der König ab 1768 den Ostfriesen das inzwischen liebgewordene Teetrinken wieder abzugewöhnen. Aber so einfach ging das nicht mehr.

Die Auseinandersetzung darüber währte bis zum Jahr 1780 und wurde auch als „Teekrieg“ bezeichnet. Aus der Königlich-Preußischen Polizeidirektion hieß es, durch das Teetrinken würden Gelder und Steuereinnahmen verschwendet. Vorgeschlagen wurde, anstelle des „Krautes“ aus China besser Zitronenmelisse oder einen Petersilienaufguss zu trinken. Auch sollte mehr Bier gebraut werden, da die Zutaten dafür aus dem eigenen Land kamen. 

Die Ostfriesen reagierten mit verstärktem Schmuggel, zivilem Ungehorsam und heimlichen Verabredungen zum Teetrinken. „Der Gebrauch des Thee und Caffe ist hierzulande so allgemein und so tief eingewurtzelt, dass die Natur des Menschen schon durch eine schöpferische Kraft müßte umgekehrt werden, wenn sie diesen Getränken auf einmal gute Nacht sagen sollte“, heißt es in einem Brief der ostfriesischen Landstände aus dem Jahr 1779. Nach zwei Jahren gab der Preußenkönig nach und erlaubte seinen ostfriesischen Untertanen das Teetrinken wieder. 

Im Zweiten Weltkrieg kam es erneut zum „Teenotstand“. Zwar wurde die monatliche Ration pro Erwachsenem von 20 auf 30 Gramm erhöht – aber was ist das schon für Ostfriesen, die täglich mehrmals Tee trinken wollen? Die alten Lebensmittelmarken – mit Ausschriften wie „Teetrinker-Bezirk Weser-Ems“ – sind heute Kuriositäten im Teemuseum. 
Heute ist Ostfriesland in Punkto Verbrauch nicht nur Deutschland-Champion, sondern auch Tee-Weltmeister – weit vor bedeutenden Teenationen wie Großbritannien und China. Auch nach 400 Jahren Tradition liegt Ostfriesentee im Trend. Die junge Generation findet das Norddeutsche cool und kultig, zelebriert die regionale Kultur, tauscht online Omas Teekuchen-Rezepte aus, spricht gerne Plattdeutsch und trifft sich beim Tee. 

Elisabeth Voigt

 

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Echte Ostfriesenmischung
www.thiele-tee.de
www.onnobehrends.de
www.buenting-tee.de

Ostfriesische Teemuseen
www.teemuseum.de
www.buenting-teemuseum.de