Orange Wine

Orangefarbener Wein in einem Glas
Orange Wine

Wein ist weiß, rot oder rosé – das weiß jeder. Dass er auch orange sein kann ist sogar vielen Weinkennern neu.  Dabei hat das eine ganz natürliche Erklärung.

 

Unter Weintrinkern polarisiert er: Für die einen ist er eine Offenbarung, für die anderen untrinkbar – Orange Wine. Dieser wiederentdeckte Weintyp ist auf eine uralte Art des Weinausbaus zurückzuführen, bei dem der Wein in riesigen, in der Erde vergrabenen Tonamphoren reifte.

Ernst Büscher
Naturwein-Experte Wolfgang Baumeister weiß viel über die neuen Orange-Weine 

Bereits in der Antike gab es diese ursprüngliche und natürliche Methode der Weinbereitung – auch für Rotwein. Der heutige Orange Wine wird dagegen aus weißen Trauben erzeugt. Seine besondere Farbe entsteht dadurch, dass er besonders lange auf der Maische liegt.

Farbenspiel in Orange

„Solch ein langer Kontakt mit den Traubenschalen ist eigentlich nur bei der Rotweinherstellung üblich“, erklärt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI). „Nach der Maischegärung werden die Trauben im Gegensatz zur Rotweinbereitung aber erst nach Wochen oder Monaten abgepresst. Dadurch werden mehr Tannine und Farbstoffe aus den gerbstoffhaltigen Schalen und Traubenkernen extrahiert, als sonst bei Weißweinen üblich.“

Der opulente orangefarbene Wein zieht wundervolle Schlieren im Glas, die in der Fachsprache „Kirchenfenster“ genannt werden.

Sieht man einige Gläser Orange Wine nebeneinander, faszinieren vor allem die vielen Facetten der Farbe Orange. Von gelborange, zu satter Dotterfarbe, über einen rötlichorangen Schimmer, bis zu Bernsteinfarben. Sie sind, wie sie sind – authentisch und unorthodox. Einige wirken trüb, andere klar – gefilert, leicht gefitert oder gar nicht filtriert.

In Georgien, dem Ursprungsland dieses Weintyps, ist die alte Methode der Weinbereitung bis heute erhalten geblieben. Dort lagen die Weine traditionell mindestens sechs Monate auf der Maische. Um die letzte Jahrhundertwende verbreitete sich der Ruf von Orange Wine über Italien wieder in Europa und bewegt mittlerweile die gesamte Weinwelt.

 

Alles Natur?

„Überall experimentieren Winzer mit der neuen, alten Weinfarbe“, weiß NaturweinExperte Wolfgang Baumeister. Er ist in der Vinothek der Weinbar Miller im Berliner Szenebezirk Kreuzberg zu finden und erfügt über das bundesweit breiteste Angebot an Orange Wine und Natural Wine. „Es gibt Orange Wine aus vielen Regionen Italiens. Österreich war schon immer offen für Naturweine. Deutschland sammelt Erfahrungen. Frankreich reagiert eher zögerlich. Aber auch Orange Wine aus Neuseeland oder Kalifornien habe ich schon probiert“, berichtet Baumeister.

Gar nicht so einfach ist die begriffliche Abgrenzung zu „Natural Wine“. Während beide Bezeichnungen anfangs als Synonyme verwendet wurden, meint „Orange Wine“ inzwischen vor allem die spezielle Art der Herstellung. Orange Wine kann sowohl mit traditionellen Methoden, wie etwa dem Ausbau in Amphoren, als auch mit Hilfe modernerer Techniken in Stahltanks oder Holzfässern erzeugt werden. Entscheidend ist die lange Maischestandzeit.

Liebe auf den zweiten Schluck

Tatsächlich bekommen Weinliebhaber, die auf der Suche nach etwas Neuem sind, etwas geboten. Orange Wines unterscheiden sich in Aussehen, Geruch und Geschmack extrem voneinander – und auch von fast allem, was Weinprofis sonst kennen. „Gerade fortgeschrittene Weintrinker haben oft Berührungsängste“, erzählt Baumeister schmunzelnd. Für die meisten ist es keine Liebe auf den ersten Schluck. Orange Wines sind gewöhnungsbedürftig. „Das liegt allerdings auch daran, dass nicht jeder die Möglichkeit hat, ein breites Spektrum an Orange Wines kennen zu lernen“, gibt Baumeister zu bedenken. Manche Weine dieses Typs erinnern eher an Sherry, weil sie oxidativ sind und eine komplexe, tanningeprägte Textur besitzen.

„Das ist der bekannteste Typ“, weiß Baumeister „aber es gibt auch ganz andere“. Er schenkt eine Reihe von Orange Wines ein, die ätherisch, würzig, vegetativ oder auch lieblichblumig duften. Einer hat eine süßliche Nase, wie Honig, als hätte man es mit einem Dessertwein zu tun. Im Mund erinnert er an Walnüsse, hat Holznoten, obwohl er nie ein Holzfass gesehen hat. In fast allen Gläsern bilden sich breite Schlieren – in der Weinsprache „Kirchenfenster“ genannt – wie man sie sonst eher bei alten Rotweinen erwartet.

Trübung, Geruch und Geschmack – das alles irritiert geübte Weintrinker. Vielleicht, weil es sie in ihrem Fachwissen erschüttert. Hier stimmt einfach nichts mehr. Den Weißweinen fehlt es an Klarheit, an weißweintypischer Frucht und Brillanz. Die in der Weinausbildung erlernten Rebsorten sind nicht oder nur schwer erkennbar. Die perfekte Trinktemperatur für Orange Wine ist mit 12 bis 15 °C eigentlich viel zu warm für Weißwein. Und dennoch beeindrucken Orange Wines durch eine unglaubliche Vielfalt, Intensität, Opulenz und Geradlinigkeit. 

Orange Wines unterscheiden sich in Aussehen, Geruch und Geschmack extrem voneinander. Wolfgang Baumeister, Spezialist für diesen Weintyp, kennt ihre Charakteristika und bietet eine breite Auswahl an.

Weinflaschen
Überraschend ist die Vielfalt der "Weine in Orange"

Die vierte Weinfarbe

Herr Bücher mit Weinflaschen

„Orange Wines sind eben extrem unterschiedlich – abhängig von Herkunft, Winzer und Rebsorte – wie alle Weintypen“, findet Baumeister. Er kann die Aufregung nicht verstehen. Für ihn ist es nur eine vierte Weinfarbe. Aber eine extrem interessante.

Baumeister ist überzeugt: „Winzer die seit langer Zeit ökologischen Weinbau betreiben, erhalten viel besseres Weinmaterial. Weil man jedoch so viel Erfahrung und Wissen für einen guten Naturwein braucht, bekommt man oft merkwürdige Weine, die in Wirklichkeit fehlerhaft sind.“

Das in der Weinszene immer wieder angebrachte Argument, dass Orange Wine aber „dafür ein guter Essensbegleiter“ sei, lässt er nicht gelten. Schön, wenn der Wein auch zum Essen schmeckt. Aber: „Es kann ja nicht sein, dass ich Wein trinken soll, den ich nur herunterbekomme, wenn ich etwas dazu esse.“

Schwer greifbar sind diese Weine allerdings. Man erwischt sie nicht selten auf dem falschen Fuß. „Viele sind erst nach fünf, zehn oder fünfzehn Jahren richtig toll“, sagt Baumeister. „Zurzeit ist genau das ein Problem, weil Orange Wines so modern sind, dass sie schnell ausverkauft sind – noch bevor sie ihre beste Zeit erleben.“ Die orangen Weine sind langlebig, wie große Rotweine. Nach dem Öffnen müssen einige von ihnen lange atmen, um ihr eigentliches Gesicht zu zeigen. Manche werden immer leckerer, je länger sie offen sind – nah einer Woche schmecken sie völlig anders, nicht selten sogar besser.

„Ihre Langlebigkeit ist ein Zeichen für ihre Stabilität“, erklärt Baumeister. Doch gerade bei deutschen Rieslingen müsse man erst noch Erfahrungen mit Orange Wines sammeln – ein spannender Prozess.

„Orange Wines sind extrem lebendig, sie verändern sich ständig, sind beim ersten Öffnen erhalten, wenige Tage später eine Wucht. Sie sind in der Entwicklung – wie wir Menschen. Andere Weine sind statisch, abgeschlossen“, schwärmt der Spezialist. „Im Grunde ist Orange Wine eine kleine Kulturrevolution.

Sieht man einige Gläser Orange Wine nebeneinander, faszinieren die vielen Facetten der Farbe Orange. Auch in der Nase ist jeder anders: ätherisch, würzig, vegetativ oder feinblumig.

 

Reife Birnen, Walnüsse  und Whiskey

Zwei, die an dieser Kulturrevolution mitwirken, sind Marc und Jan Weinreich vom gleichnamigen Weingut in Bechtheim in Rheinland Pfalz. Sie haben eine eigene Linie für Natural Wine. Einer ihrer Orange Wines heißt Tacheles und duftet nach reifen Birnen, Stachelbeeren, weißen Johannisbeeren und getrockneten Aprikosen.

Ein ganz anderer Typ ist der Orange Wine „X“ vom Weingut Neuspergerhof, Rohrbach in der Pfalz. „Liebe mich oder lasse es“, steht auf dem Etikett. Die Flasche erinnert an einen Whiskey, der Geschmack auch. Der Wein hat einen eigenwilligen Charakter, Anklänge von Sherry, Banane und Walnüssen.

Für Baumeister ist der „Indigenius Silvaner“ vom Weingut Rothe in Nordheim am Main einer der interessantesten deutschen Orangen Weine. Er schmeckt ganz fein, kräuterig, mineralisch. Ohnehin  lassen sich speziell Silvaner sehr gut zu Orange Wine verarbeiten.

Inspiration für die Weinszene

Orange Wein im Glas mit Hand

„Für Winzer ist es nicht ganz risikolos, den Wein über Monate sich selbst zu überlassen, weil er dadurch schnell Fehltöne entwickeln kann“, beschreibt Ernst Büscher von DWI die Schwierigkeiten beim Ausbau. „Andererseits ist diese Form der Weinbereitung sehr reizvoll für immer mehr Erzeuger, weil sie die Chance bietet, ausgesprochen komplexe und körperreiche Weine abseits des Mainstreams zu erzeugen.

“Zurzeit ist der Marktanteil der Orange Wines sehr gering. Die Diskussion, die sie in der Weinszene auslösen ist jedoch gewaltig. Büscher ist gespannt auf mehr: „Man muss sich mit ihnen auseinander setzen, sich auf sie einlassen, um sie zu verstehen. Um zu einem wirklichen Trend zu werden, müssten sie sich geschmacklich und preislich im Wettbewerb mit den bestehenden Weinstilen am Markt behaupten. Orange Wine ist oft sehr hochpreisig.“

Eins ist sicher – Orange Wine inspiriert die Weinwelt. Das findet auch Büscher: „Ich könnte mir vorstellen, dass aus der Diskussion um die Orange Wine-Stilistik und aus der Erfahrung mit dieser besonderen Art der Weinherstellung, wertvolle Impulse für die konventionelle Weinbereitung ausgehen.“

Elisabeth Voigt

 

 

 Fotos: © Hartmut Voigt

 


Wolfgang Baumeister
sinnesfreude.eu

Weingut Weinreich
Riederbachstraße 7
67595 Bechtheim
natuerlichweinreich.me

Weingut Neuspergerhof
Neuspergerhof
76865 Rohrbach
neuspergerhof.de

Weingut Rothe
Heerweg 6
97334 Nordheim/Main
weingut-rothe.de