Mit neuen Augen sehen

Yoga-Position mit Chinmudra
„Chinmudra“ ist eine bekannte yogische Geste, bei der sich Daumen und Zeigefinger berühren.
Ausblick aus dem Affentempel
Meditative Kulisse in der Nähe des „Affentempels“

Eine Ausbildung zur Yogalehrerin in Indien absolvieren – dem Ursprungsort des Yoga? Unsere Autorin wagte dieses Abenteuer. Und kam nicht nur mit einem Zertifikat zurück.

„Eine Entdeckungsreise besteht nicht darin, nach neuen Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu bekommen“, hat Marcel Proust einmal gesagt. Von solch einer Entdeckungsreise bin ich zurück – mit mehreren Monaten Indienerfahrung und einer Yogalehrerausbildung im Gepäck. 

Nach Indien reisen, ohne warmes Wasser und Strom leben, auf das Nötigste reduziert sein, die Slums Südostasiens besuchen und wochenlang ohne das vertraute Umfeld und zuverlässige ärztliche Versorgung leben? Wie kann das funktionieren? 

Für mich bedeutet Yoga Heilung, Lehre, Körpergefühl, Philosophie und – ja – manchmal auch Muskelkater. Es ist eine Begegnung mit mir selbst. Wie geht es meinem Körper? Was sagt mir die innere Stimme? Bin ich in Balance? Das alles finde ich heraus, während ich mich auf meine Atmung konzentriere und meinen Körper in die verrücktesten Positionen verdrehe. 

Die Reise in den Ashram, einem klösterähnlichen Meditations- und Lernzentrum, steigerte dieses Empfinden meiner Selbst um ein Vielfaches. Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, auf einem Dorf, dessen Namen ich noch immer nicht aussprechen kann – war das Soundsystem meiner Gefühle auf volle Lautstärke gedreht. Ich habe mich mit mir selbst beschäftigt, auf mein Leben geschaut, auf die Menschen, die darin involviert sind, meine Wünsche, Ängste und Ziele. Ich bin an meine Grenzen gegangen und habe so viel gelernt, dass es mir unwirklich erscheint, nur wenige Wochen dort gewesen zu sein. 

Wirklich nach Indien?

Yogalehrerausbildungen werden an vielen Standorten und von verschiedensten Vereinen und Organisationen angeboten. Für wen die Reise in die Ferne nicht in Frage kommt, der wird meist schon im Yogazentrum der nächsten größeren Stadt fündig. 

Auch berufsbegleitend gibt es viele Angebote in der Heimat, allerdings werden die Kurseinheiten dafür oft auf viele Wochenenden verteilt – bis zum zertifizierten Abschluss können auf diese Weise mehrere Jahre vergehen. 

Interessenten müssen demnach zuallererst für sich selbst entscheiden: Möchte ich in Deutschland bleiben oder eine Auszeit in der Ferne nehmen? Möchte ich die Ausbildung über einen längeren Zeitraum neben meinem Alltag bestreiten oder mich einen Monat lang intensiv auf diesen Schritt fokussieren?

Ob sie sich noch einmal für ein solches Konzept entscheiden würde, habe ich eine Absolventin einer berufsbegleitenden Ausbildung in Deutschland gefragt. Die 47-jährige ist verheiratet, Mutter und inzwischen bereits mehrere Jahre lang als Yogalehrerin aktiv. „Ganz ehrlich? Nein.“, hat sie geantwortet. „Letztendlich scheitert das Ziel – beruflich oder familiär eingespannten Menschen quasi stressverringert zu dem Zertifikat zu verhelfen – genau daran, dass die regelrecht zerpflückten Inhalte umso mehr Aufwand erfordern. Was ich zwei Jahre zuvor gelernt hatte, das musste ich mir am Ende alles noch einmal neu erarbeiten.“ 

Jaipur
Lieblingsplatz des Affen über dem abendlichen Jaipur.

Auf ins Abenteuer

Yoga bei Sonnenaufgang
Yoga in Indien zu praktizieren, besitzt eine ganz besondere Faszination.

Allein schon aufgrund der einzigartigen Atmosphäre, des Klimas und der Abenteuerstimmung, die die Fremde mit sich bringt, lohnt es sich, über eine Yogalehrerausbildung in Indien nachzudenken. Zudem ist der finanzielle Aufwand erheblich geringer: Während Lehrgänge in Indien oft unter 2000 € zu haben sind, kostet das Pendant in Europa meist deutlich mehr – selbst innerhalb der gleichen Organisation. 
Bei der Suche nach dem richtigen Ashram gibt es einiges zu bedenken: Sehr touristische und konsumorientierte Ausbildungsorte sollte man meiden. Natürlich reizt es sehr, in alten Tempelstätten zu leben, an die ein dschungelartiger Garten angrenzt: Versteckte Springbrunnen plätschern, Affen springen durch die Bäume, in der Outdoor-Küche gibt es Cashew Nut Curry vom Bananenblatt... Selbstverständlich haben derartige Lokalitäten ihre Reize. Indischen Ursprung und Authentizität sucht man hier jedoch meist vergeblich. In den schlichteren Ashrams kommen diejenigen auf ihre Kosten, denen vor allem die Inhalte und der Lernprozess am Herzen liegen. 

Darüber hinaus ist natürlich auch der Komfort und die damit verbundene Geldfrage ein Thema: Wer es ursprünglich möchte, bekommt – ganz spartanisch, aber ausreichend – ein Metallbett mit Moskitonetz und ein Schrankfach zugeteilt. Als „Bonus“ gibt es kalte Duschen, Strom- und Internetabstinenz ganz umsonst – eine entspannende Abwechslung vom oftmals reizüberflutenden Medienalltag daheim. 

Eine unbequeme Angelegenheit

Ganz leicht ist die Eingewöhnung dennoch nicht. In einem typisch indischen Ashram fehlen nicht nur Strom und Netz, sondern oft auch Stühle. „In Indien sitzt man auf dem Boden“, erklärte einer unserer Lehrer, als die ersten fragenden Gesichter zu ihm aufblickten. „In meiner Kindheit hatten wir sowas nie. Erst nach meinem 16. Geburtstag haben meine Eltern Tisch und Stühle gekauft. Aber nur, weil es westliche Mode war. Ein absoluter Fehlkauf: Wir haben trotzdem weiter auf dem Boden gesessen“. 

Die ersten Tage im Ashram können schon einmal zur Tortur werden, denn es dauert ein Stück, bevor sich europäisch-bequeme Knochen daran gewöhnt haben von morgens bis abends auf hartem Boden zu sitzen. Abhilfe schafft da ein Yogakissen. Abwechslung bieten die Praxisstunden.

Auch das Essen kann gewöhnungsbedürftig sein. Gegessen wird Reis mit Hülsenfrüchten und indischem Fladenbrot, das „Roti“ heißt. Dazu gibt es Wasser und ungesüßten Tee. Suchtmittel wie Zucker, Koffein oder Nikotin, aber auch nicht-vegetarische Lebensmittel, wie Fleisch – und nach indischem Verständnis auch Eier – sind streng verboten. 

Wer sich für die schlichte Variante entscheidet und eine ganz ursprüngliche Yogalehrerausbildung absolvieren möchte, muss kein zwanzig Jahre erprobter Yogi sein. Teilnehmen kann im Grunde jeder, der die nötige Offenheit mitbringt und sich dazu bereit erklärt, seinem Leben eine kleine oder größere Wende zu verleihen. Die meisten Kurse bestehen aus einer gesunden Mischung blutiger Anfänger und geerdeter Langzeitpraktizierender; da findet jeder seinen Platz in der Gruppe. 

Viel wichtiger als die körperliche Leistung ist, was sich im Inneren eines Jeden abspielt: Will ich mich auf mich selbst einlassen? Bin ich bereit, meine Grenzen zu testen? Kann ich akzeptieren, dass die kommende Zeit vieles verändern wird?

Das sind Fragen, die sich jeder angehende Ashrambewohner stellen muss – nicht allein deswegen, weil die meisten seriösen Ausbildungsstätten eine Art Bewerbungsschreiben fordern, bevor sie die Anwärter aufnehmen.

Yoga stärkt den Körper
Nach intensivem Training zeigen sich die körperlichen Fortschritte.

 

 

Hände und Füße sprechen lassen

ein Land der Kontraste.
Indien ist bunt und einzigartig – ein Land der Kontraste.

Natürlich sollte man sich vor Beginn der Ausbildung Gedanken darüber machen, welche Rahmenbedingungen für den eigenen Aufenthalt wünschenswert sind. Auch sprachliche Barrieren spielen eine Rolle: Während die meisten indischen Ashrams ihre Lehrgänge auf Englisch abhalten, gibt es mittlerweile auch einige Anbieter, die Dolmetscher beschäftigen und mehr- oder anderssprachige Kurse – beispielsweise komplett auf Deutsch – anbieten. 

Dennoch muss die Angst vor dem Englischen nicht allzu groß sein. Wer zweifelt, ob er den sprachlichen Anforderungen gerecht wird, muss sich vor Augen führen, dass es im Ashram nicht darum geht, ein Englisch auf Muttersprachlerniveau an den Tag zu legen. Viel wichtiger ist es, die eigenen Eindrücke und Überlegungen zu kommunizieren – und das geschieht nicht selten unter tatkräftiger Unterstützung der ganzen Gruppe. 

Die Auszubildenden, mit denen ich die Zeit im Ashram verbringen durfte, kamen überwiegend aus Europa, aber auch Süd- und Mittelamerika, Asien und Australien. Kurzum: Menschen aus aller Welt treffen aufeinander, leben für vier Wochen zusammen und verständigen sich in dieser Zeit mit Händen und Füßen. Nicht selten kam es da vor, dass man einen unserer Lehrer rufen hörte: „Kennt jemand dieses Wort auf Spanisch?“ oder: „Kann das jemand auf Deutsch übersetzen?“. Von gebrochen bis fließend war in unserer Gruppe jegliches Sprachniveau vorhanden und wirklich keiner scheiterte an seinem Englisch!

Zusätzlich sollte vorab geklärt werden, ob eine Yogalehrerausbildung tatsächlich das Richtige ist. Sollte dies nicht der Fall sein, gibt es eine Fülle von Alternativen – Yogaurlaub beispielsweise. Ein sehr ähnliches Programm ohne den pädagogischen Aspekt, die Abschlussprüfung und das Zertifikat. Dafür werden den Teilnehmern meist noch intensivere Möglichkeiten geboten, sich im Rahmen der Philosophie- oder Meditationseinheiten mit sich selbst zu beschäftigen. Die meisten Ashrams in Indien bieten beides an, sodass man sich informieren und anschließend nach den eigenen Wünschen entscheiden kann. 

Gadisar Lake in Jaisalmer.
Auch in der Wüste gibt es Wasser: der Gadisar Lake in Jaisalmer.

Ein langer Tag

Ein Tag im Ashram beginnt noch vor Sonnenaufgang: Auf leeren Magen wird meditiert, die eigene Atmung geschult oder durch die karge umliegende Landschaft gelaufen, die im indischen Herbst eine frische morgendliche Abwechslung bereithält, bevor der Staub gen Himmel wirbelt, sich in jeder Sekunde des Tages einnistet und auch nicht vor europäisch-verwöhnten Atemwegen Halt macht. 
Nach dem Frühstück geht es weiter mit Pädagogik-, Philosophie-, Karma Yoga- und Praxiselementen, die einen schnell aus der nachmittäglichen Verdauungsmüdigkeit locken, denn ja, auch am anderen Ende der Welt kennt man Liegestütze – und zwar in den fiesesten Variationen. 

Das Ganze zieht sich – mit kleiner Mittagsunterbrechung – bis in die frühen Abendstunden hinein. Nach dem Abendbrot gibt es schließlich noch eine „Lecture“: Man chantet, meditiert oder vertieft sich in das Selbststudium der vielen Informationen, die pausenlos auf einen einprasseln. Unter anderem umfasst das die Gebiete der Anatomie, Physiologie und Philosophie.

 

Von Trotz zum Stolz

Sicher ist dieser straffe Zeitplan anfangs eine Herausforderung für Körper, Geist und den inneren Schweinehund. Während der ersten Tage wachen die meisten mit Muskelkater auf und fragen sich, wo in aller Welt die Zeit bleibt, in der sie einfach mal nichts tun, ein Buch lesen oder ihren Gliedern eine Pause gönnen können. Derartige Momente sind tatsächlich rar, doch hat man sich einmal damit abgefunden, macht all das, was danach kommt, die anfängliche Mühe wieder wett.

Während die Ausbildung in vollem Gange war, erfuhr plötzlich jeder Einzelne von uns am eigenen Leib, zu welch wahnsinnigen Leistungen er fähig war: 80 Sekunden die Luft anhalten? Kein Problem. Der vorher so kompliziert anmutende „Skorpion“, bei dem man auf den Unterarmen steht und die Beine in der Luft hält? Plötzlich lief die Sache. Und 20 „Dolphins“ – eine Art Liegestützvariation mit Gleichgewichtsverlagerung, die den meisten Kursteilnehmern anfangs laute Klagerufe entlockt hatte? Für niemanden mehr der Rede wert. 

Der Teamgeist und die Konsequenz unserer Lehrer erstickten jeglichen Kapitulationsgedanken im Keim. Inzwischen ist mir klar: Ohne die Isolation und ohne die vielen anderen, wäre mein Wecker schon in der ersten Woche in der Versenkung verschwunden und ich im routinierten Trott meines herkömmlichen Alltags.

Mit sich selbst in Einklang
Mit sich selbst in Einklang zu stehen ist eine der größten Herausforderungen, die eine Indien-Reise mit sich bringt.

Die eigenen Grenzen hinter sich lassen

Ein Morgenspaziergang durch die Dörfer
Ein Morgenspaziergang durch die Dörfer – eintauchen in den Duft von Minze und wildem Basilikum.

Auch im Probeunterrichten ließen die Erfolge nicht lange auf sich warten. Das Motto unserer Lehrer war der in aller Welt bekannte Stoß ins kalte Wasser: Schon am vierten Tag  begann jeder von uns im Wechsel, die gesamte Mitschülerschaft zu trainieren – von der ersten Atemübung bis zum letzten Ton der melodischen Entspannung. Diejenigen, die sich niemals hätten vorstellen können, vor Anderen zu singen und die, die vorher lieber aus dem Hintergrund agiert hatten, triumphierten letztendlich am meisten.

Ganz sicher sind die Wochen im Ashram kein Bildungsurlaub im herkömmlichen Sinne. Dies machte mir eines Tages ganz unfreiwillig eine Mitstreiterin deutlich, die von ihren plötzlichen Emotionen überwältigt wurde. Die ansonsten geerdete Frau mit 35 Jahren Yogaerfahrung und durchweg positiver Ausstrahlung, erzählte mir ganz nebenbei mit einem Lächeln im Gesicht: „Letzte Nacht habe ich drei Stunden lang bitterlich geweint. Aber jetzt ist alles wieder gut“. 

Ein jeder war gefordert, doch jeder von uns hat den Ashram letztendlich gestärkt verlassen. Wenn ein frisches Stück Papaya zum Highlight des Tages wird, ekstatische Trommelklänge die Augen leuchten lassen und Dinge, die vorher wichtig erschienen, vor dem inneren Auge verschwimmen – dann ist man angekommen in Indien und will das Erlebte nicht mehr missen. 

Wenn wir es wirklich wollen, vollbringen wir mehr, als wir zu träumen gewagt hätten und kehren reicher zurück als je zuvor. Reicher an Glück. Reicher an Erfahrung. Reicher an Wissen über uns selbst.

Johanna Flügel 

 


Ein Weg, der sich lohnt.
Yogalehrer werden in Indien – ein Weg, der sich lohnt.

Jeder Ashram unterscheidet sich von anderen Einrichtungen, hat individuelle Schwerpunkte und Eigenheiten. Daher ist es ratsam, mit ehemaligen Absolventen in Verbindung zu treten. Am einfachsten geschieht dies über den Webauftritt, beispielsweise bei Facebook. Hier sind viele ehemalige Schüler mit ihrem Ashram vernetzt; oftmals gibt es sogar eine Bewertungsrubrik, in der individuelle Erfahrungsberichte auch von Außenstehenden gelesen werden können und in der die Möglichkeit für Interessenten besteht, Fragen zu stellen.

Bei einer Vorauswahl aus den 1482 Ashrams in Indien kann die Seite https://de.yoga.in/ helfen. Sie filtert die Art des Anliegens, Yogastile und Wunschorte der Besucher.

 

Bilder: © ninalutsk; romablack; underdogstudios; filipefrazao/stock.adobe.com; Johanna Flügel