Männer in den Wechseljahren

Abgeschlagenheit und Lustlosigkeit in den Wechseljahren ist kein muss
Längst nicht alle Männer durchleben die Wechseljahre mit Beschwerden. Nur jeder zehnte Mann nimmt Abgeschlagenheit, Lustlosigkeit und den Verlust von Muskelmasse bewusst wahr.

Bei Frauen ist die Menopause ein in den Medien viel beschriebenes Phänomen. Über die Andropause – das Pendent dieser Entwicklung bei Männern – wird jedoch kaum gesprochen. Doch auch Männer durchleben eine hormonelle Umstellung in der Lebensmitte. Wie macht sie sich bemerkbar? Was hilft gegen Beschwerden?

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass nur Frauen in die Wechseljahre kommen. Auch der männliche Körper produziert mit der Zeit weniger Sexualhormone und stellt sich in der Lebensmitte langsam darauf ein. Wie bei Frauen ist diese Veränderung keine Krankheit, sondern ein ganz natürlicher Prozess, der zum älter werden gehört. 

Anders als die Menopause bei Frauen, erstreckt sich die „Andropause“ – auch „Klimakterium virile“ genannt – bei Männer jedoch über einen viel längeren Zeitraum des Lebens und die Hormonproduktion kommt dabei nicht vollständig zum Erliegen. Der Begriff „Andropause“ – der sich von den griechischen Wörtern „andro“ (Mann) und „pausis“ (Ende) ableitet – für diesen Prozess ist daher umstritten. 

Was passiert im Körper?

Der Testosteronspiegel des Mannes nimmt nicht abrupt, sondern langsam, kontinuierlich und in individuell sehr unterschiedlichem Tempo ab. Etwa bis zum 30. Lebensjahr steigt die Produktion des männlichen Sexualhormons an. 

Danach bleibt sie auf gleichem Niveau, bis sie etwa ab dem 40. Lebensjahr um rund 1 Prozent im Jahr absinkt. In neueren Studien geht man davon aus, dass die Wechseljahre des Mannes mit etwa 75 Jahren abgeschlossen sind.

Doch längst nicht alle Männer durchleben die Wechseljahre mit Beschwerden.

Nur jeder zehnte Mann nimmt Symptome wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Lustlosigkeit und den Verlust von Muskelmasse überhaupt bewusst wahr. 

Prof. Dr. Frank Sommer, Urologe, Androloge und Sportmediziner in Hamburg erklärt, was im Körper passiert: „Mit der Zeit nehmen die Testosteronwerte des Mannes durch eine verminderte Durchblutung im Hodenbereich ab. Die Hoden produzieren über 95 Prozent des Testosterons. Auch die Zunahme von schlechtem Bauchfett, der Verlust von Muskulatur, körperliche Inaktivität und Umweltgifte bzw. Nikotin tragen zu dieser Hormonumstellung bei.“

Foto Dr. Frank Sommer
Prof. Dr. Frank Sommer ist Urologe, Androloge und Sportmediziner in Hamburg.

Müde Männer

„In den Wechseljahren des Mannes kommt es häufig zu Symptomen wie z.B. dem Nachlassen der Konzentrations- und Belastungsfähigkeit am Arbeitsplatz. In diesem Fall haben die Männer vor allem am Nachmittag häufig ein Tief. Weitere Symptome sind Abgeschlagenheit und Müdigkeit sowie Lustlosigkeit, abnehmende Sexualität und sexuelle Probleme. Körperliche Aktivitäten wie Sport werden dann meist vermieden, obwohl sie gerade in dieser Zeit wichtig wären, um den Hormonhaushalt im Körper wieder anzukurbeln“, sagt Prof. Sommer.

Prof. Sommer weiß wovon der spricht. Im Jahr 2005 wurde er als erster Arzt der Welt zum Universitätsprofessor für Männergesundheit berufen. Im gleichen Jahr wurde er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Als Vordenker für ein Thema, das bisher wenig im Bewusstsein der Öffentlichkeit ist, erhielt er über ein Dutzend nationale und internationale Auszeichnungen für seine Tätigkeit als Arzt und Wissenschaftler. 

Welche Symptome gibt es?

Testosteron ist wichtig für den Muskelaufbau, die Knochendichte, den Stoffwechsel im Fettgewebe, das Sexualleben und die Fortpflanzungsfähigkeit. Symptome eines Mangels zeigen sich genau in diesen Bereichen: 

  • Abnahme der Muskel- und Zunahme der Fettmasse
  • nachlassende Leistungsfähigkeit und Motivation
  • Abnahme der Libido
  • Erektionsstörungen
  • Osteoporose
  • Hitzewallungen und Schweißausbrüche
  • innere Unruhe und Nervosität
  • Depression

„Wichtig ist es zu beachten, dass die typischen Symptome auch andere Ursachen haben können - etwa Erkrankungen der Leber, Niere oder des Herz-Kreislaufsystems. Auch bösartige Tumore können solche Veränderungen hervorrufen. Im Interesse der Gesundheit sollten Männer sich daher bei Auftreten dieser Symptome untersuchen lassen. Abzuwarten und auf Besserung zu hoffen ist bei diesem Thema ein schlechter Ratgeber“, so Prof. Sommer.

Testosteronersatz-Therapie als Lösung

Ob es sich tatsächlich um die Wechseljahre handelt oder andere Krankheiten die Beschwerden hervorrufen, kann nur ein Urologe oder Endokrinologe feststellen. Urologen behandeln unter anderem Krankheiten der Geschlechtsorgane des Mannes. Endokrinologen sind Spezialisten für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen.

Neben dem ausführlichen Gespräch und der körperlichen Untersuchung, kann sich der Arzt durch eine Blutuntersuchung Klarheit darüber verschaffen, wie hoch die Konzentration der Sexualhormone im Blut ist. 

Der Testosteronmangel des Mannes mit fortschreitendem Alter ist eine ganz normale Entwicklung und muss in der Regel nicht behandelt werden. 

Eine Testosteronersatz-Therapie kann Nebenwirkungen haben und sollte daher nicht die erste Überlegung, sondern die letzte Möglichkeit sein. So steht die Testosteronsubstitutionsbehandlung etwa im Verdacht Prostata-Krebs zu begünstigen.

In den meisten Fällen braucht man nicht in die Prozesse des Körpers einzugreifen, um sich wieder wohl zu fühlen. Dann reicht es aus, zu einer gesunden Lebensweise mit ausgewogener Ernährung und ausreichender Bewegung zurückzufinden. Mit dem richtigen Training lässt sich der Muskelabbau deutlich verlangsamen und das körperliche Wohlgefühl steigern. 

Intervalltraining und gesundes Essen

„Am effektivsten ist ein hochintensives Intervall-Training. Unsere Studien haben gezeigt, dass kurze Trainingseinheiten im Krafttraining an Gewichten oder ein 20- bis 40-minütiges Lauf-Intervalltraining den Stoffwechsel sehr gut anregen. Nach intensivem Training konnte eine Testosteronspiegelerhöhung von bis zu 40 Prozent im Blut gemessen werden“, rät Prof. Sommer. 

Lange Ausdauereinheiten – wie zum Beispiel ein Training für den Ultra-Marathon – haben eher den gegenläufigen Effekt. Die Testosteronproduktion sinkt. 

Auch weniger und anders zu essen ist ein Jungbrunnen: „Durch eine Reduzierung der täglichen Kalorienzufuhr erhöht sich der Testosteronspiegel auf natürliche Weise. Wer auf Zucker und Weißmehl verzichtet und nach 18 Uhr keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt, lässt den Testosteronwert in den morgendlichen Stunden signifikant ansteigen“, weiß Dr. Sommer. Zudem sorge die reduzierte Kalorienzufuhr dafür, dass vermehrt Wachstumshormone ausgeschüttet würden. Dadurch regenerieren sich Körperzellen, der Muskelaufbau wird angeregt – der Körper wirkt jünger.

Sport und Bewegung helfen dabei, den Hormonhaushalt wieder anzukurbeln.

Avocados, Nüsse, Haferflocken

Männer, die einen Bauchumfang von über 94 cm haben, können zudem durch gezielte Abnahme des sogenannten „viszeralen“ – schlechten – Bauchfetts ihren Testosteronwert erhöhen. Dies liegt daran, dass durch dieses Bauchfett das Hormon Testosteron in das weibliche Hormon Östradiol umwandelt wird. Je weniger viszerales Fettgewebe vorhanden ist, desto weniger Testosteron wird also umgewandelt. 
Auch die Aufnahme von gesunden Fetten, wie sie z.B. in Nüssen oder Avocados enthalten sind, ist wichtig für Ihren Testosteronhaushalt. Denn das Testosteronmolekül besteht biochemisch gesehen aus einer Fett-Formel. 

Müsli aus Haferflocken, Nüssen und Trockenfrüchten macht müde Männer munter: Haferflocken treiben durch eine bestimmte Verbindung im Hafer – die sogenannten Avenacoside – das Testosteron in die Höhe. 

Beckenbodentraining für Männer

Beckenbodentraining für Männer hört sich zunächst vielleicht etwas seltsam an – war dies doch lange Zeit nur ein Training für Frauen, speziell nach der Schwangerschaft. 

„Erst als Jürgen Klinsmann die deutsche Nationalmannschaft im Fußball 2006 ein spezielles Core-Stability-Training durchführen ließ, wurde das Interesse am Beckenboden des Mannes stärker“, erinnert Prof. Sommer. Klinsmann ließ eigens Fitnesstrainer aus den USA einfliegen, um die National Elf wieder fit zu machen. Durch das Training wurden der Beckenboden, der untere Rücken und die untere Bauchmuskulatur gestärkt. „Beckenbodengymnastik kann für Männer sehr interessant sein“, gibt Prof. Sommer zu bedenken „denn der Beckenboden des Mannes ist für alle Organe, die sich im Becken befinden wichtig. Dazu gehören etwa Enddarm oder Prostata.“

Mit der Zeit können der Beckenboden und der Schließmuskel erschlaffen. Daher kann es bei älteren Männern zu einer so genannten Stressinkontinenz kommen. Beim Anheben von schweren Einkaufstüten oder Getränkekisten kann es dann zum spontanen Urinverlust kommen. 

Ein Training des Beckenbodens trägt zur gezielten Prävention und auch zur Behandlung von Stuhl- und Harninkontinenz bei. „Mit wenigen speziell für Männer entwickelten Beckenbodenübungen in der Woche lassen sich diese Probleme sehr gut vorbeugen oder in den Griff bekommen“, meint Prof. Sommer. „Mit den Übungen kann die untere Rumpf- und Beckenbodenstabilität verbessert werden. Dies führt in vielen Sportarten zu einer verbesserten Leistungsfähigkeit und wirkt sich positiv auf die Ausstrahlung und Sexualität aus.“

Aber Beckenbodentraining kann nicht nur durch spezielle sportliche Übungen durchgeführt werden. „Es besteht auch die Möglichkeit einer elektrischen Muskelstimulation. Die Elektrostimulation hat je nach Programmwahl und Erektionsstörung einen sehr positiven Einfluss auf die Infrastruktur des Penis und auch auf den Aufbau der Potenzmuskulatur“, sagt Prof. Sommer. 

Die Chancen erkennen

Wie auch in den Wechseljahren der Frau, hat die positive Einstellung zum Leben einen wichtigen Einfluss auf den Verlauf der körperlichen Umstellung. Die Wechseljahre sind der Beginn eines neuen Lebensabschnitts, der auch friedlich, weise und glücklich machen kann.

Seit über 30 Jahren sind Depressionen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen bei Männern das Spezialgebiet von Kurt Seikowski, Psychologe und Sexualwissenschaftler an der Universität Leipzig. Er werde immer wieder gefragt, ob die Gabe von Testosteron helfen könne. 

„Als der Boom mit Mitteln wie Viagra aufkam, herrschte fast schon Erleichterung bei Männern: Wir haben ja Medikamente, können stark bleiben und müssen nicht über unsere Psyche nachdenken“, kritisiert er.

Das, was bei Männern etwa zwischen dem 48. und 55. Lebensjahr geschieht, findet er mit dem englischen Ausdruck „Midlife Crisis“ am treffendsten beschrieben. 

Das Privatleben genießen und insgesamt entschleunigen
Die neue Lebensphase bietet die Chance öfter über Erholungspausen nachzudenken, das Privatleben zu genießen und insgesamt zu entschleunigen.

In dieser Phase klagen viele Männer über eine stark verminderte Lebenszufriedenheit. In den darauffolgenden Jahren hätten sich die Männer dann jedoch wieder an die veränderte Situation angepasst, so Seikowki. Die gute Nachricht ist also: Die „Midlife Crisis“ geht vorbei und kann einem neuen Lebensgefühl Platz machen.

Inzwischen gibt es immer mehr Männer, die akzeptieren, dass ihre Leistungsfähigkeit ab 40 abnimmt und in der Lage sind, darin auch eine neue Chance zu sehen. Etwa die, öfter über Erholungspausen nachzudenken, das Privatleben zu genießen und insgesamt zu entschleunigen. 

Das bedeutet auch, mal früher ins Bett zu gehen. Denn guter, ausreichender Schlaf ist ebenfalls wichtig für den Testosteronhaushalt. Bei Schlafmangel kommt es selbst bei gesunden jungen Männern zu einem signifikanten Abfall des Testosteronwertes. Früh am Morgen ist dagegen der Testosteronwert am höchsten. 

Die richtige Haltung

Unter Stress wird das Stresshormon Cortisol verstärkt ausgeschüttet. Es stellt dem Körper kurzfristig mehr Energie zu Verfügung, macht jedoch langfristig müde, kränklich und abgeschlagen. Prof. Sommer weiß: Durch den Abbau von Stress erhöhen sich die Testosteronwerte meist innerhalb kurzer Zeit. Im Rahmen seiner Studien hat er herausgefunden: Auch die richtige Körperhaltung beeinflusst das Wohlbefinden. 

„Wir haben eine Studie durchgeführt: 31 Männer wurden in einen Raum geführt und die Testosteron- und Cortisolspiegel wurden bestimmt. Unsere Studienteilnehmer sollten zwei verschiedene Posen einnehmen – eine mit verschränkten Armen hinterm Kopf und ganz dreist die Füße auf dem Tisch. Und dann eine zusammengesunken wie ein Häufchen Elend, die Schultern nach vorn gezogen.“

Bei der Pose mit den verschränkten Armen hinterm Kopf stieg das Testosteron in nur drei Minuten im Durchschnitt um mehr als das Doppelte an, das Cortisol reduzierte sich. Bei der zusammengesunken Pose war es umgekehrt. 

„Kennen Sie ein Medikament, das innerhalb von wenigen Minuten einen so starken Einfluss auf Ihren Körper hat? Das dazu führt, dass Sie sich besser, stärker, energiegeladener fühlen?“, fragt Dr. Sommer begeistert.  

„Es ist so einfach: Ihre Haltung hat Einfluss auf Ihre Hormone und darauf, wie Sie sich fühlen. Was machen Sportler, wenn Sie gewonnen haben? Sie reißen die Arme in die Höhe, machen sich groß, schreien vielleicht sogar vor Glück. Es ist wie im Tierreich. Wer Angst hat, rennt ums Überleben. Wer stark ist, zeigt das auch gern. Bei den Primaten haben die Alphatiere hohe Testosteronspiegel.“

Elisabeth Voigt

Bilder: © Mitmachphoto; mmphoto; wildworx/stock.adobe.com; privat;

 


Prof. Dr. Frank Sommer: www.maennergesundheit.info