Ist Tee der neue Kaffee - oder Kaffee der neue Tee ?

Teezubereitung
Teezubereitung wie Früher

Läuft Tee als Alltagsgetränk dem Kaffee den Rang ab? Wird Kaffee immer öfter wie Tee zubereitet? Was ist los an den verhärteten Fronten der Kaffee- und Teegenießer? Wir fragen in einer Kaffee-Tee-Ehe nach.

Mein Mann und ich führen eine gemischte Ehe. Ich bin eingefleischte Kaffeetrinkerin, er Teeliebhaber.

Während er die chinesische Teetradition pflegt, indem er für unsere Gäste ein reich verziertes Teetablett aus Kirschbaumholz auf dem Wohnzimmerteppich platziert und zarte, nach Wiesenblumen und Kräutern duftende Tees von einer winzigen Tonkanne in eine andere gießt, brauche ich morgens schnell einen starken Kaffee.

Seine Teekannen fassen gerade einmal 100 ml des seltenen, chinesischen Lieblingstees, der in 10 Gramm Portionen verkauft wird und fünfmal so teuer ist wie schwarzer Trüffel. Die Kannen sind aus einem besonderen Purpursand gefertigt, der auch nach dem Brennen porös bleibt. So kann das feine Getränk in der unglasierten Kanne „atmen“.

Teekanne

Ist Tee das neue Alltagsgetränk?

In Deutschland wird noch immer mehr Kaffee als Tee getrunken. Im weltweiten Vergleich sieht das anders aus: Tee nimmt dort bei den Getränken den zweiten Platz auf der Beliebtheitsscala ein – und kommt damit gleich nach Wasser. Kaffee trinkenInsgesamt 26 Liter schwarzen oder grünen Tee trinkt jeder hierzulande pro Jahr. Nimmt man noch Kräuter- und Früchtetees dazu, sind es rund 50 Liter. Mit 145 Liter Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr bleibt Kaffee trotzdem der unbestrittene Marktführer.

Die Lust auf Tee nimmt jedoch rasant zu. Inzwischen macht er als Alltagsgetränk dem Kaffee ernsthaft Konkurrenz. Seit der Kaffeemarkt in den USA kaum noch Wachstumspotenzial bietet, boomt das Teegeschäft im In- und Ausland. Coffee Shops bieten immer mehr Teegetränke an. Kapselmaschinen und Vollautomaten ermöglichen längst nicht nur Kaffeegenuss, sondern immer öfter auch die schnelle Zubereitung von Teespezialitäten für zuhause.

Tee zu trinken ist eine „coole“ Angelegenheit. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Trend zum Cold Brew beim Kaffee, weitet sich auch auf den Tee aus. Viele grüne und weiße Tees, sowie einige Oolongs, lassen sich wie ein Cold Brew Coffee zubereiten.

Arminosäuren, die verantwortlich für den leicht süßlichen Geschmack des Tees sind, werden ohnehin durch heißes Wasser geschwächt. Zu hohe Temperaturen bringen eher die Bitterstoffe zum Vorschein. Cold Brew Tea kann also noch ausdrucksvoller und aromatischer sein. Empfindliche japanische Grüntees vertragen nicht mehr als 50 Grad. Was darüber ist, quittieren sie häufig mit einem pelzigen Mundgefühl.

Ist Tee der neue Kaffee? Immerhin sind ja auch Tees mit Milch – solange es sich nicht gerade um Grüntee handelt – schon immer keine Seltenheit. Indische Gewürztees werden traditionell mit Milch und Honig getrunken. Aber auch Schwarztees wie Ceylon, Assam oder Darjeeling sind mit Milch genossen köstlich. Die Milch unterstützt ihr kräftiges Aroma.

Teezubereitung ist ein Tanz

Eines ist sicher: Teetrinker gelten als die „Hippster“ unter den Genießern. Das Getränk ist meditativ-souverän. Teetrinker suchen nicht die Gemeinschaft, wie die Kaffeegemeinde. Sie haben ihren eigenen Kopf.

Will mein Mann seine Teezeremonie ganz besonders zelebrieren, kleidet er sich dafür sogar in edle asiatische Gewänder. Mal trägt er eine weiße Baumwolljacke mit Mao-Stehkragen und Wirbelknöpfen, ein anderes Mal eine  Taiji-Jacke aus glänzendem Seidenbrokat. Wer genau hinsieht, entdeckt darauf Drachenmuster, die in der Farbe des Stoffes eingewebt worden sind.

Durch die Kampfkunst ist er auf den Tee gekommen und irgendwie ist die Teezubereitung dabei selbst zu einem geschmeidigen, kraftvollen Tanz geworden. Eine eigene Kunstform, die mich auf Anhieb faszinierte.

Während Männer in solchen Fällen gern die Besichtigung ihrer Briefmarkensammlung in Aussicht stellen, laden Frauen zu einer Tasse Kaffee ein.

Kaffeekanne

Bei dieser Gelegenheit tat sich unsanft der unüberwindbare Graben zwischen uns auf: „Kaffee? Ist das nicht die bittere, braune Brühe, die schmeckt als hätte man die Reste aus dem Aschenbecher aufgegossen“, outete sich mein Angebeteter als Teetrinker. „Ist grüner Tee nicht das gallig-bittere Zeug, auf dessen Kalkinseln man Zuckerwürfel ablegen kann“, setzte ich beleidigt dagegen.

Auch das Argument, dass Tee viel gesünder sei, konnte mich nicht locken. Trotz meines erheblichen Kaffeekonsums geht es mir glänzend. Kaffee schadet mir nur, wenn mir ein ganzer Sack davon aus dem fünften Stock eines Hochhauses auf den Kopf geworfen wird.

Kaffee in Handarbeit

Kaffee der wie aufgegossenes Ruß schmeckt, kannte ich allerdings auch. Nur habe ich ihn lange nicht mehr getrunken. Denn ich will unbedingt nur guten Kaffee!

Dafür nehme ich auch weite Wege in Kauf. Den Espresso mit der für mich besten Crema gibt es bei den „Bonanza Coffee Heros“ einer avantgardistischen kleinen Kaffeebar in Berlin-Prenzlauer Berg, mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut eine Stunde von meiner Wohnung entfernt. Meinen liebsten äthiopischen Kaffee, der den Gaumen mit Aromen von gebrannten Haselnüssen und Bitterschokolade verwöhnt, bestelle ich mir aus einer handwerklichen Rösterei in Konstanz nach Berlin.

Zuhause bereite ich mir, ganz Individualistin, den Kaffee mit einer Siebträger-Maschine zu. Jeder Handgriff sitzt. Was der beste Kaffee, die richtige Temperatur und das passende Topping für eine Sorte ist, möchte ich selbst bestimmen. Die Zubereitung ist dabei ein kleines Ritual.

„Sieht anmutig aus, wenn du Kaffee machst“, findet mein Liebster. Wie meine Nase zuerst in den Duft des Kaffeemehls abtaucht und das Aroma des frisch Gemahlenen einatmet, das kraftvolle Anpressen mit einem speziellen Edelstahlstempel, die gekonnte Drehung des Handgelenks beim Aufschäumen der Milch. „Eine richtige Kaffeezeremonie“, sagt er.Kaffee trinken 2

Qualität verbindet

So einen karamellbraun gerösteten, in Handarbeit zubereiteten Plantagenkaffee wollte er schließlich doch mal probieren – ist seither geblieben und trinkt auch Kaffee. Ich wiederrum habe zuhause noch nie einen bitteren grünen Tee bekommen. Denn hochwertiger Grüntee zieht nur für wenige Sekunden und schmeckt so zart, als hätten Schmetterlinge die Zunge berührt.

Für sauberen Teegenuss sollte man entweder stilles Mineralwasser mit einem niedrigen Natriumgehalt verwenden oder gefiltertes Leitungswasser. Auf jeden Fall muss das Wasser möglichst weich sein. Für Großstädte wie Berlin, wo das selten der Fall ist, gibt es auch Teesorten, die weniger empfindlich auf die Wasserqualität reagieren. Hat Tee eine ausgezeichnete Qualität, können sich – trotz des eigentlich nicht perfekt geeigneten Wassers – die Aromen durchsetzen.

Vielleicht gibt es doch mehr Gemeinsamkeiten zwischen eingefleischten Kaffee- und Teetrinkern, als gedacht?

Zarte Filterkaffees mit den filigranen Zitrusaromen, die seit einigen Jahren im Trend liegen, laufen tropfenweise durch den Hario Coffee Syphon und werden in bauchigen Schalen serviert. So genossen erinnert hochwertiger Kaffee doch sehr an edlen Tee.

Kaffe mit Milch

Was Kaffeetrinker längst wissen, gilt ebenso für Tee: Wer ein gutes Heißgetränk haben möchte, muss nicht nur wissen, wie man es richtig zubereitet, sondern auch zu den besten Qualität greifen. Tee aus ganzen Blättern schmeckt besser als industrieller Beuteltee. Ein eindeutiges Indiz für gute Tees ist ihr ergiebiges, vielschichtiges, nachhaltiges Aroma. Das gleiche gilt auch für Kaffee.

Warum sollten Teetrinker also nicht auch mal Kaffee genießen und Kaffeetrinker den ein oder anderen Tee? Schließlich geht es um die Qualität des Getränks und die Liebe zum Produkt und nicht darum, als Verfechter eines Tee- oder Kaffeetrinkerimages zur Verfügung zu stehen.

Auf der Terrasse im Schaukelstuhl einen meditativen Kaffee schlürfen und sich am Morgen noch schnell im Stehen einen gesunden Grüntee zu Gemüte führen, das macht die wahre Freiheit aus. Was echte Genießer wirklich verbindet ist klar: Einfach etwas Gutes trinken – und darin kompromisslos sein.

Elisabeth Voigt

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