Interview: SmartLiving

Alexander Dauensteiner, gestikulierend
"Es hat noch nie funktioniert, Produkte in den Markt zu drücken, die keiner haben will. Die Kunden entscheiden sich dort für Smart Living, wo es ihnen einen spürbaren Nutzen bringt."

Welchen Nutzen hat Smart Living für den Einzelnen? Wie ist Qualitätssicherung möglich? Was wird getan, um Datensicherheit zu gewährleisten? Wir sprachen darüber mit Alexander Dauensteiner, Senior Association Manager der Vaillant Group und Unterstützer der Wirtschaftsinitiative Smart Living.  

Womit beschäftigt sich die Wirtschaftsinitiative Smart Living? Wer ist dabei?

Alexander Dauensteiner: Die Wirtschaftsinitiative zielt auf das vorwettbewerbliche Zusammenspiel von Unternehmen in Deutschland, um gemeinsam zukunftsweisende Strategien für den Bereich Smart Living zu entwickeln. Das eröffnet den Beteiligten die Möglichkeit, standard- und plattformübergreifend zu agieren. Teilnehmer sind Unternehmen, Initiativen, Verbände und Vereine – und in genau dieser breiten Aufstellung liegt der Reiz. Initiativen können nur funktionieren, wenn sich alle einbringen.

Die Wirtschaftsinitiative möchte Gesellschaft, Wirtschaft und Politik für die Chancen von Smart Living sensibilisieren, bahnt neue branchenübergreifende Kooperationen an und befördert einheitliche Qualitäts- und Sicherheitsstandards – etwa indem ein passender Rechtsrahmen geschaffen wird. Besondere Arbeitsgruppen gibt es zu den Themen „Markt und Leitbild“, „Recht und Sicherheit“ und „Qualifizierung“.

Seit April 2017 koordiniert und betreut die Geschäftsstelle Smart Living in Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) die Aktivitäten der Wirtschaftsinitiative.

 Dauensteiner

Wird in zehn oder zwanzig Jahren jeder in einem Smart Home leben? Oder bleibt es bei einzelnen intelligenten Geräten? 

Ich glaube, es wird das eine wie das andere geben. Marktprognosen versprechen einen kräftigen Zuwachs – bis 2022 in Deutschland eine jährliche Wachstumsrate von 26,4 Prozent, d.h. ein Smart-Home-Marktvolumen in Höhe von 4,3 Milliarden Euro. 

Aber wie definiert man ein smartes Zuhause? Wie viele Geräte müssen vernetzt sein? Viele Verbraucher tasten sich langsam an neue Entwicklungen heran – etwa mit Beleuchtungsanwendungen.

Bei Neubauten werden nun eben immer mehr Bauherren sich die Frage stellen „Vernetzte ich mein Zuhause?“ und nicht mehr nur „Welche Fenster baue ich ein?“ oder „Wie soll mein Bad aussehen?“ Gleichzeitig haben wir in Deutschland 80 Prozent Bestandsgebäude – auch hier werden intelligente Anwendungen zunehmen. 

In welchen Bereichen des Hauses gehören Smart Home Geräte schon jetzt zur Standard-Installation?

Komfort wird immer mehr mit Vernetzung assoziiert: Backöfen, Waschmaschinen, Kühlschränke — weiße wie braune Ware — können schon jetzt miteinander kommunizieren. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass die Geräte für jeden zum Standard gehören. 

Die Kunden entscheiden sich in genau den Bereichen für Smart Living, in denen es ihnen einen spürbaren Nutzen bringt. Welcher das ist, kann sehr unterschiedlich sein. Es hat noch nie funktioniert, Produkte in den Markt zu drücken die keiner haben will. Daher brauchen wir individuell zugeschnittene Lösungen.

So ein spürbarer Nutzen kann z.B. darin bestehen, dass ein Kunde Energie einspart – etwa durch smarte Thermostate, die die Temperatur in den einzelnen Räumen unterschiedlich regeln und im Schlafzimmer tagsüber komplett herunterfahren. Die Thermostate zeigen – z.B. über eine Internetschnittstelle – auch an, wenn die Temperatur im Raum hoch genug ist. Sie „denken“ sozusagen mit. Heizungen mit Kommunikationsschnittstellen bietet inzwischen fast jeder Hersteller an. Auch der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie ist ein Teilnehmer der Wirtschaftsinitiative Smart Living.

Dauensteiner

"Beim Smart Living geht es nicht nur um Gebäude, sondern um Lebenssituationen! Steht z. B. das Elektroauto in ständiger Kommunikation mit dem Hausenergiemanagement hat der Kunde einen Überblick über seinen gesamten Energieverbrauch."

Wieso spielt die sektorübergreifende Kommunikation hier eine besondere Rolle?

Beim Smart Living geht es nicht nur um Gebäude – es geht um Lebenssituationen! Deswegen haben wir bewusst für die Initiative nicht den Begriff Smart Home oder Smart Building, sondern die weiter greifenden Bezeichnung Smart Living gewählt. Die Kommunikation findet über das Haus hinaus im gesamten Leben statt – sie ist sektorübergreifend. Das wird immer wichtiger.

So wird es z.B. zukünftig mehr Elektroautos geben. Die meisten Kunden äußern den Wunsch, ihr Fahrzeug nicht nur an externen Ladestationen, sondern vor allem zuhause laden zu können. Das Elektroauto kann so in ständiger Kommunikation mit dem Hausenergiemanagement stehen. Der Ladezustand des Autos wird hierfür kontinuierlich kommuniziert. So hat der Kunde einen Überblick über seinen gesamten Energieverbrauch – in- und außerhalb des Hauses. So kann der Betrieb optimiert und eine hohe Energieeinsparung erzielt werden – ein handfester Nutzen für den Kunden. 

Interoperabilität spielt für die Verbraucher eine große Rolle. Wie ist bei der Zusammenarbeit verschiedener Gewerke eine gute Qualitätssicherung möglich?

Wenn man in einen neuen Markt einsteigt, ist es normal, dass es nicht von Anfang an gemeinsame Standards für die einzelnen beteiligten Gewerke gibt. Diese zu entwickeln ist jedoch einer der Schwerpunkte der Wirtschaftsinitiative Smart Living. Zurzeit werden übrigens auch europäische Standards erarbeitet. 

Die 25 Verbände, Unternehmen und Initiativen, die sich in verschiedenen Arbeitsgruppen zusammengeschlossen haben – darunter auch der Zentralverband der Elektroindustrie – bündeln unglaublich viel Kompetenz. Synergien können so bereits im vorgewerblichen Stadium genutzt werden.

Die Arbeitsgruppe „Recht“ der Wirtschaftsinitiative beschäftigt sich detailliert mit dem Thema Qualitätssicherung. Dort können rechtliche Handlungsempfehlungen und Empfehlungen für klar umrissene Qualitätsstandards erarbeitet werden.

Beim Hausbau oder einer Grundsanierung spielte schon immer die gute Zusammenarbeit der einzelnen Gewerke eine wesentliche Rolle. Durch Smart Living wird sie absolut unerlässlich. Dass sich niemand der am Hausbau beteiligten Firmen mehr allein auf seinen Teil der Arbeit zurückziehen kann, ist für den Kunden ein Vorteil. Denn Kunden im Regen stehen zu lassen, nach dem Motto: „Mein System läuft doch super“, wird es mit Smart Living nicht mehr geben.

Themen, die den Verbraucher oft verunsichern, sind auch Datensicherheit (das sichere Sammeln und Speichern von Daten) und Cybersecurity (der Schutz der Daten gegen Angriffe von außen, z.B. durch Hacker). Wie sorgt die Wirtschaftsinitiative dafür, dass hier Vertrauen entsteht? 

Die Initiative kann den Dialog zwischen den Partnern fördern, Labels entwickeln oder der Politik Vorschläge machen, die mittelfristig auch über Deutschland hinaus wirken.

In Punkto Datensicherheit nimmt Berlin eine Vorreiterrolle ein. Das Innenministerium, das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz arbeiten bei diesem Thema eng zusammen. Andere Länder sind noch nicht so weit. 

Auch in den USA beobachtet man mit Respekt, wie ernst der Datenschutz gerade in Deutschland genommen wird. Es gibt tolle Produkte und Unternehmen in Deutschland, die für Qualität und Vertrauen stehen. Qualität „Made in Germany“ ist eine Marke. Daher bleibt es natürlich wichtig den amerikanischen Markt zwar zu beobachten, gleichwohl ist es aber nicht angezeigt alles von dort zu übernehmen. 

Dauensteiner

"Wir können den Kunden nicht vorschreiben, was sie zu fühlen haben, wenn sie einer neuen Technologie gegenüberstehen. Vertrauen wächst erst aus positiver Erfahrung. Vertrauen braucht Zeit."

Dennoch ist die Frage „Was passiert mit meinen Daten?“, die die Verbraucher umtreibt, für die Unternehmen ein Markthemmnis…

Das stimmt. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass jede Anwendung in jedem Fall hundertprozentig sicher ist. Am Ende besteht immer noch ein Restrisiko. Aber auch ein normales Türschloss kann geknackt werden. Es wird nur eben immer sicherer. So geschieht es auch im Bereich Smart Living, wenn die Unternehmen die Bedenken der Verbraucher ernst nehmen. Genau dafür braucht man Zusammenschlüsse und Expertise.

Wir können den Kunden nicht vorschreiben, was sie zu fühlen haben, wenn sie einer neuen Technologie gegenüberstehen. Wenn ich in ein Flugzeug steige, bin ich auch jedes Mal erleichtert, wenn ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Auch ohne Flugangst fühle ich mich beim Fliegen subjektiv unsicherer als beim Bahn- oder Autofahren. Statistisch ist das völlig unbegründet, aber mein Gefühl suggeriert es mir so. Je öfter ich fliege, desto entspannter werde ich.

Vertrauen erwächst erst aus positiver Erfahrung. Vertrauen braucht Zeit. Kaum ein Kunde versteht doch die komplexen Programmierungsschritte, die hinter Smart-Living-Anwendungen stehen. Daher müssen die Kunden einem Unternehmen dahingehend vertrauen, dass das Türschloss sicher ist, oder dass die Daten gut geschützt sind. 

Qualitätsstandards und nachhaltige Arbeit haben allerdings ihren Preis. So können wir beispielsweise in Deutschland unsere Daten hosten lassen – so dass sie sicherer sind als anderswo auf der Welt. Aber die Kunden müssen sich dann auch bewusst für das sicherste Angebot und nicht nur für das billigste entscheiden.

Dauensteiner

"Die Zahl von Smart-Living-Anwendungen und der dem Kunden daraus erwachsende Nutzen wird in Zukunft mit Sicherheit stark zunehmen. Es liegt an uns, diese Entwicklung zugestalten."

Welche Möglichkeiten schafft ein intelligentes Zuhause gerade für ältere und körperlich eingeschränkte Menschen?

Wir haben in Deutschland derzeit einen Pflegenotstand, also viel zu wenig qualifiziertes Personal, um sich um ältere und kranke Menschen zu kümmern. Die oft geäußerte Befürchtung, dass Smart Living Arbeitsplätze im Gesundheitswesen gefährden könnte, sollte im Moment hintenan stehen, wenn wir bedenken, dass aktuell in der Pflege rund 30.000 Stellen fehlen. Die modernen Hilfsmittel sind daher eher eine notwendige Ergänzung der Versorgung, sodass den Pflegekräften mehr Zeit für die menschliche Fürsorge bleibt.

Als Ambient Assisted Living (AAL) bezeichnet man Methoden, Konzepte, elektronische Systeme, Produkte und Dienstleistungen, die das alltägliche Leben älterer oder körperlich eingeschränkter Menschen situationsabhängig unterstützen. Man könnte den Begriff übersetzen mit „Alltagstaugliche Assistenzlösungen für ein selbstbestimmtes Leben“. 

Die verwendeten Techniken und Technologien sind nutzerzentriert, also auf den Menschen ausgerichtet. Die Technik passt sich damit an die Bedürfnisse des Nutzers an, nicht umgekehrt. AAL schafft vielfältige Möglichkeiten, länger im gewohnten Umfeld leben zu können – ohne dass dies auf Kosten der Sicherheit geht.

So kann man ein System zum Beispiel so einrichten, dass automatisch Alarm ausgelöst wird, wenn jemand eine längere Zeit auf dem Boden liegt ohne sich zu rühren. Wer möchte kann seinen Blutdruck oder seine Herzfrequenz messen lassen. 

Das elektrische Türschloss kann dem Hausarzt erlauben hinein zu kommen. Sprachassistenten können, wenn sich der Patient nicht mehr selbst helfen kann, den Notarzt alarmieren.

Bei einigen Sprachassistenten ist die Datensituation allerdings ungeklärt…

…aber es gibt alternative Geräte. Und die Sicherheit meiner persönlichen Daten wäre mir in dem Moment, wenn ich nach einem Sturz mit einem Oberschenkelhalsbruch hilflos auf dem Boden liege, zumindest zweitrangig. 

Was ich meine ist: Es geht doch um einen angemessene Rahmen für die Nutzung von Daten. Darüber muss in Deutschland mehr diskutiert werden. So gibt es bei uns auch noch keine elektronische Patientenakte, weil dies bisher in Deutschland schlicht verboten ist. In anderen Ländern ist das möglich – und kann im Notfall extrem hilfreich sein.

Jeder, der sich mit einem gesundheitlichen Problem beim Arzt vorstellt, wünscht sich doch, dass der Mediziner mit wenigen Blicken die Krankheitsgeschichte des Patienten erfassen und wirksame Therapien einleiten kann, ohne dass vermeidbare Neben- und Wechselwirkungen auftreten.

Damit will ich nicht sagen, dass mir die Datenhoheit egal ist. Jedoch muss der Besitzer der Daten doch frei entscheiden können: Diese und jene Daten gebe ich für diesen und jenen, genau definierten, Zweck frei. Dafür ist Datenklarheit und Transparenz notwendig.

Leider wurde es bisher versäumt die Bevölkerung aktiv auch über die positiven  Aspekte der neuen technologischen Entwicklung aufzuklären. Die öffentliche Debatte konzentriert sich meist auf Risiken.

Sicher ist: Die Zahl von Smart-Living-Anwendungen und der dem Kunden daraus erwachsende Nutzen wird in Zukunft mit Sicherheit stark zunehmen. Es liegt an uns, diese Entwicklung zu gestalten. Sicherheit optimieren, Energieeinsparung optimieren – dafür ist Digitalisierung die Grundvoraussetzung.

Das Bedürfnis analoge Welten zu erleben, wird dadurch nicht abnehmen, sondern wächst mit den digitalen Welten zusammen. Es geht nicht um künstliche Intelligenz oder Humanity, sondern um künstliche Intelligenz und Humanity. Die letzte Entscheidung muss auch in Zukunft in jedem Fall der Mensch haben.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Dauensteiner

Das Interview führte Elisabeth Voigt.

 

Bilder: © Hartmut Voigt