Interview: Entwicklungen in der Gefäßchirurgie

motorisches Training nach einem Schlaganfall
Manche Patienten klagen nach dem Schlaganfall über Kribbeln und Taubheitsgefühle in Armen und Beinen. Das kann verschiedene Ursachen haben.

Wir sprachen mit Chefarzt Dr. med. Günay Kalender, Leiter des Gefäßkompetenzzentrums der DRK Kliniken Berlin | Köpenick, über Symptome nach dem Schlaganfall und Möglichkeiten der Früherkennung.

Wenn nach dem Schlaganfall eigentlich wieder alles in Ordnung ist, klagen manche Patienten dennoch über Kribbeln und Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen. Woran kann das liegen?

Ich unterscheide zwischen Patienten die mit Schlaganfall, also bereits deutlichen Krankheitsanzeichen, in die Klinik kommen und Patienten, bei denen man den Befund eher zufällig über die sonografische Untersuchung erhält. Im zuletzt genannten Fall zeigt der Patient im Augenblick der Diagnosestellung noch keine Symptome. Man spricht deshalb von sogenannten asymptomatischen Symptomen – einer Erkrankung ohne Krankheitsanzeichen. 

Patienten, die bereits mit einem Schlaganfall in die Klinik kommen, haben sehr häufig — auch nach der Operation — die beschriebenen Symptome von Kribbeln und Taubheitsgefühl. Bei den asymptomatischen Patienten, die vorher keine Beschwerden hatten, sind solche Probleme eher die Ausnahme. 

Für Schlaganfallpatienten kommt es immer darauf an, wie schnell sie behandelt werden können. Denn während eines Schlaganfalls ist eine kleine Region im Gehirn eine Zeit lang nicht durchblutet. 

Die beschrieben Symptome entstehen beim Patienten also in Folge des  Schlaganfalls. Sie werden bei der Operation nicht behoben. Die Beschwerden sind für uns nur ein Zeichen, dass der Patient ein Problem hat. Wir können den Auslöser für seine Beschwerden beseitigen. Dieser ist meist eine Ablagerung von Kalkplaque oder dem weicheren Fettplaque in der inneren Halsschlagader, der aufplatzt und – auch wenn wir ihn entfernen – seine kleinen Fragmente ins Gehirn schießt. Wir operieren nur am Hals und beseitigen dort den Auslöser, nicht jedoch am Gehirn, und versuchen damit weitere Schlaganfälle zu vermeiden. 

So können sich die Symptome im besten Falle verbessern – weil wieder mehr Blut im Gehirn ankommt – oder auch einfach nicht stärker werden. 

Vernarbungen und kleine Fragmente, die ins Gehirn wandern und dort kleine Blutgefäße verstopfen, bekommen wir jedoch nicht frei. Dabei muss der Körper sich selbst helfen. 

Wenn es sich um sehr kleine Segmente handelt, zu denen kein Blutgefäß mehr hinführt, lässt sich operativ nichts erreichen. Wir sorgen mit dem operativen Eingriff nur dafür, dass der Patient möglichst keinen weiteren, vielleicht größeren, Schlaganfall erleidet. Der Schaden der eventuell bereits eingetreten ist, wird vom Neurologen weiter therapiert. 

Dr. med. Günay Kalender
Dr. med. Günay Kalender

Wie kann Ergotherapie helfen?

Der Geschehen eines Schlaganfalls betrifft zuallererst die Hirnregionen, verursacht aber Beschwerden, die sich auf den ganzen Körper auswirken können, weil das Gehirn ja alle Organe und auch die Peripherie bedient. Daher können auch Nerven oder motorische Fähigkeiten betroffen sein.

So ist es beispielsweise möglich, dass Patienten nach einem Schlaganfall monatelang ihren Arm nicht mehr richtig bewegen können, die Nerven sich aber langsam wieder regenerieren oder das Gehirn die fehlende Information durch eine andere Hirnregion kompensiert – auf diese Weise kommt dann nach und nach wieder Bewegung in den Arm. 

Hat man jedoch wochen- oder monatelang den Arm gar nicht benutzt, ist das Problem natürlich nicht mehr nur auf Kopf und Nerven beschränkt: Die Muskulatur wurde ja auch nicht gebraucht und ist daher in der Regel nicht mehr voll funktionsfähig. Es empfiehlt sich deshalb zusätzlich ein direktes Training der Peripherie. In diesem Fall ist Ergotherapie sinnvoll.

Wie kann man sonst noch selbst aktiv werden?

Je nachdem wo die Probleme liegen, gibt es viele Möglichkeiten: Wenn der Patient die Hände nicht mehr bewegen kann, wird man Ergotherapie verordnen; hat er Schwierigkeiten beim Sprechen Logopädie. 

Man muss einfach das, was nicht mehr funktioniert nochmal trainieren und neu erlernen. Wenn ein großer Schaden am Gehirn entstanden ist, übernehmen manchmal auch andere Hirnbereiche Aufgaben, die dringend gebraucht und vom Patienten immer wieder eingefordert werden. 

Geräte zur physikalischen Gefäßtherapie versprechen Linderung und sollen auch im einfachen Hausgebrauch wirksam sein. Wie ist ihre Meinung dazu?

Ich kenne diese Geräte natürlich, weil die Patienten danach fragen, habe aber selbst keine Erfahrung damit. Dazu sehe ich die Patienten nach der OP auch zu selten.

Unsere Empfehlung ist, dass sie sich zunächst halbjährlich, und später einmal jährlich zur Kontrolluntersuchung vorstellen, bei der dann z.B. ein Ultraschall gemacht wird. Allerdings wird der motorische Status von uns dabei nicht bestimmt – das macht eher der Neurologe. Dieser kann natürlich – durch sehr kleinteilige Untersuchungen – einschätzen, ob sich die Motorik über die Zeit verbessert hat.

Wenn ich einen Patienten nur einmal im Jahr sehe und er mir die Hand drückt, reicht das natürlich nicht aus um zu beurteilen, ob sein Händedruck sich gegenüber dem letzten Treffen verändert hat.

Was raten Sie als Gefäßchirurg in puncto Früherkennung? Kann man als Patient Gefäßverengungen schon erkennen, bevor sie größere Schäden anrichten?

Leider sehe ich da kaum eine Chance für den Patienten. Herz und Gehirn sind Organe, die Probleme über längere Zeiträume recht gut kompensieren können. Irgendwann ist jedoch ein Punkt erreicht, an dem das – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr funktioniert, und mit einem Schlag stellt sich die Symptomatik ein. Herzinfarkte und Schlaganfälle kündigen sich in der Regel nicht langsam an. Daher kann man dabei hier kaum auf das Körpergefühl bauen. Sind die Beschwerden erst einmal da, sind sie meist schon so ausgeprägt, dass man sofort merkt, was los ist.

Allerdings haben wir manchmal Patienten, die mit Sehstörungen zum Augenarzt gehen; bei denen dann festgestellt wird, dass ein Gefäß im Auge verstopft ist. Das Sehvermögen ist in diesem Fall schlechter geworden, weil im Auge zu wenig Blut ankommt. Dann kann man die zum Auge führenden Gefäße untersuchen und dabei vielleicht weitere Verengungen finden, bevor sie weiteren Schaden anrichten. 

verengte Gefäße
Ein durch Kalkablagerungen verengtes Gefäß kann einen Schlaganfall hervorrufen. Eine Chance zur Früherkennung bietet die Sonographie der Halsgefäße.

Auch Patienten, die bereits einen Herzinfarkt hatten oder unter der sogenannten „Schaufensterkrankheit“ leiden, spüren mitunter frühzeitig Symptome. Die Schaufensterkrankheit heißt so, weil die Betroffenen nur die Strecke von einem Schaufenster zum anderen ohne Unterbrechung schaffen: Wer weniger als 200 Meter laufen kann hat eine Gefäßerkrankung, die unbedingt der Therapie bedarf. 

Alle diese Erkrankungen lassen sich unter dem Begriff der Arterienverkalkung zusammenfassen. Es handelt sich also quasi immer um das gleiche Problem… Wer jedoch vorher immer gesund war, hat kaum eine Chance rechtzeitig relevante Veränderungen zu bemerken.

Natürlich könnte eine Sonografie der Halsgefäße zur Früherkennung führen, aber für die meisten Patienten gibt es dazu vor dem Schlaganfall keinen Anlass, weil sie keine Beschwerden haben. Auch viele Hausärzte scheuen sich davor Patienten ohne dringenden Grund zu dieser recht speziellen Untersuchung zu überweisen. Es handelt sich ja nicht um eine Vorsorgeleistung der Kassen. Machbar wäre das natürlich…

Was hilft vorbeugend?

Wichtig ist es, aktiv zu bleiben. Wenn man sich dreimal die Woche mindestens dreißig Minuten bewegt, wirkt das herz- und gefäßstärkend. Der Blutdruck geht hoch, und die Elastizität der Gefäße wird trainiert. 

Auch die gesunde Ernährung spielt eine wichtige Rolle für die Herzgesundheit. Manche Patienten brauchen auch Cholesterinsenker. Allerdings ist es nicht nur eine Frage des Cholesterinwertes, sondern auch der Veranlagung, ob sich Ablagerungen bilden. Wir haben immer wieder Patienten mit normalem Cholesterinwert, bei denen wir in der Sonografie dennoch Gefäßwandverdickungen entdecken. 

Welche neuen Entwicklungen gibt es in der Gefäßchirurgie?

Die Gefäßchirurgie hat sich in den letzten zehn Jahren rasant weiter entwickelt. Vor zehn Jahren haben wir Bauchaorten noch mit großen Bauchschnitten operiert. Heute kann man 80 bis 90 Prozent minimalinvasiv mit einem kleinen Schnitt an der Leiste versorgen. Während der Patient früher zwei Wochen im Krankenhaus bleiben musste, kann er heute oft schon nach drei Tagen entlassen werden – mit einer  dreiwöchigen Heilbehandlung im Anschluss.

Auch Schnitte, die ich heutzutage am Hals setze, haben etwa ein Drittel der Größe von denen, die ich zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn machen musste. Ärzte lernen heute gleich in der Ausbildung andere Techniken. Im Gegensatz zu früheren Generationen gehörte für mich etwa das Sonografieren von Anfang an dazu, um während einer OP zu sehen, wo ich die Schnitte setzen muss. Dem Patienten kann man mit diesen neuen Techniken einige Unannehmlichkeiten ersparen.

 



Doppler-Sonografie der großen Gefäße von Kopf, Hals, Bauch oder Beinen

Die Doppler-Sonografie ist sinnvoll bei Männern und Frauen ab 30 Jahren, die Beschwerden verspüren oder die Sorge haben, an einer Gefäßerkrankung zu leiden. Denn auch anhaltende Sorge ist ein ernstzunehmender Gesundheitsfaktor. Eine wichtige Vorsorge ist die Doppler-Sonografie für Menschen mit familiärer Vorbelastung, in deren Familien es schon Herzinfarkte oder Schlaganfälle gab.

Bei der Untersuchung kann der Arzt Richtung und Geschwindigkeit des Blutflusses in Hals- und Beingefäßen, im Herzen, sowie den großen Körper- und Nierengefäßen bestimmen. Engstellen und Verschlüsse können erkannt werden.

Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten der Doppler-Sonografie nicht automatisch. Bei Beschwerden oder einem begründeten Verdacht auf Gefäßverengung ist sie jedoch notwendig und sollte verordnet werden. Allerdings machen in den letzten Jahren Patienten oft die Erfahrung, dass durch Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem der Begriff der medizinischen Notwendigkeit für manche Ärzte ein sehr dehnbarer Begriff geworden ist. 

Was viele Patienten nicht wissen: Wer möchte, kann die Doppler-Sonografie als Früherkennung auch selbst zahlen. Die Kosten dafür bewegen sich je nach Gefäßart zwischen 30 und 100 Euro. Doppler-Sonografie

Es gibt eine Reihe solcher sogenannter ‚IGeL’-Leistungen (Individuelle Gesundheitsleistungen), die nicht zum festgeschriebenen Katalog der gesetzlichen Gesundheitsleistungen gehören, also nicht von der Kasse übernommen werden müssen. Um zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, sie selbst zu zahlen, muss jeder für seinen individuellen Fall den Nutzen gegen den möglichen Schaden abwägen. Der IGeL-Monitor hilft dabei.

 

Bilder: DRK Kliniken Berlin  Köpenik; Robert Kneschke, hywards; Jürgen Flächle/stock.adobe.coimo