Interview: Dass Symptome fortbestehen ist eher die Regel

Interview zur Schlaganfallmedizin
Physiotherapie hilft Muskulatur neu zu trainieren

 

Prof. Dr. med. Robert Stingele ist Chefarzt der Klinik für Neurologie in den DRK Kliniken Berlin | Köpenick. Wir sprachen mit ihm über die Ursachen von Krankheitssymptomen nach dem Schlaganfall und neue Erkenntnisse der Schlaganfallmedizin.

Wenn nach dem Schlaganfall wieder alles in Ordnung zu sein scheint, klagen manche Patienten trotzdem über ein wiederkehrendes Kribbeln und Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen. Woran kann das liegen? 

Möglicherweise hat der Schlaganfall ein Symptom zurückgelassen. Denn es ist so: Nicht alle Schlaganfallsymptome verschwinden vollständig. Als Faustregel könnte man sagen: Ein Drittel der Schlaganfälle heilt folgenlos ab, bei einem Drittel bleiben Symptome zurück, die im Alltag jedoch nicht weiter stören, und ein Drittel der Betroffenen leidet langfristig unter Behinderungen. Etwa die Hälfte der Menschen aus der zuletzt genannten Gruppe müssen sogar in eine Langzeitpflegeeinrichtung überwiesen werden. Dass Symptome fortbestehen, ist also eher die Regel als die Ausnahme,  insbesondere wenn wichtige Hirnregionen betroffen waren.Dr. Stingele mit Patient

Muss das Kribbeln immer auf den Schlaganfall zurückzuführen sein?

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Falls solche Symptome bleiben oder später wieder auftreten sollten, können zusätzliche Erkrankungen vorliegen. Schlaganfallpatienten haben ja in der Regel Risikofaktoren wie z.B. Diabetes, hohen Blutdruck, Stoffwechselstörungen, die auch andere Krankheiten hervorrufen können, die mit dem Schlaganfall primär nichts zu tun haben, in dieser Risikogruppe aber häufiger auftreten. 

Es könnte auch eine Gefäßerkrankung vorliegen. Denn Schlaganfallpatienten sind ‚Gefäßpatienten’, die auch andere Gefäßprobleme entwickeln können: Probleme mit dem Herzen, Probleme mit den Arterien, die an den Beinen verlaufen – auch das kann Symptome wie das Kribbeln hervorrufen. Ärzteteam

Jedoch gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit, die gar nicht selten ist. Schlaganfallpatienten sind ja sehr verunsichert: Eben waren sie noch kerngesund – und nun krempelt der Schlaganfall mit einem Mal das ganze Leben um. Gesundheitsthemen bekommen dadurch einen viel höheren Stellenwert. Die Patienten horchen viel stärker in sich hinein und bewerten Krankheitszeichen, die ihnen vorher gar nicht aufgefallen wären, jetzt ganz anders. Es kann also sein, dass sich die Patienten zu viele Sorgen machen und kleinste Symptome plötzlich überdeutlich wahrnehmen.

War beim Schlaganfall etwa die linke Seite betroffen und das neue Symptom zeigt sich an beiden Füßen, dann ist es nicht plausibel, dass das Kribbeln direkt etwas mit dem Schlaganfall zu tun hat. Dann handelt es sich vielleicht um eine weitere, andere Erkrankung.

Machen sich Schlaganfallpatienten zu viele Sorgen?

Es ist eine schwierige Gratwanderung: Einerseits ja, aus den eben beschriebenen Gründen. Andererseits sind Schlaganfallpatienten ja auch Menschen, deren Risiko erhöht ist erneut einen Schlaganfall zu erleiden. Fünfzehn Prozent der Patienten bekommen innerhalb eines Jahres einen zweiten Schlaganfall. Das ist ein relativ hohes Risiko, über das die behandelnden Ärzte die Patienten auch informieren. Auch das trägt natürlich zur Verunsicherung bei. 

So müssen die Betroffenen in dieser Situation neu erlernen, was sie eigentlich seit ihrer Kindheit schon einmal gelernt hatten: zu unterscheiden, welche Beschwerden relevant sind und welche nicht.

Als Arzt kann man Schlaganfallpatienten natürlich nicht den Tipp geben, Symptome zu ignorieren. Allerdings müssen die Patienten darin geschult werden, Symptome zu erkennen, die sie ernst nehmen müssen. Dazu gehören etwa Halbseitensymptome, die einseitige Erblindung auf einem Auge, die vielleicht nur für eine kurze Zeit besteht, eine halbseitige Gesichtsfeldeinschränkung oder auch Sprach- und Sprechstörungen. 

Dr. Stingele

Manche Patienten berichten, sie hätten das Gefühl, dass ihr Bein nicht zu ihnen gehört…

Es gibt tatsächlich beim Schlaganfall das Phänomen, dass der Patient Teile seines Körpers als fremd wahrnimmt oder auch ignoriert. Diese Symptome erscheinen merkwürdig, haben aber mit der Bewusstwerdung von sensiblen Informationen aus dem Körper zu tun. 

Häufig wird diese — oft auftretende — Erscheinung übersehen, weil das Symptom so schwer fassbar und zudem nicht leicht zu untersuchen ist – es ist keine Lähmung. Es sind spezielle Untersuchungstechniken und eine Spezialisierung auf Schlaganfallpatienten notwendig, um dieses Symptom erkennen und richtig einordnen zu können.

Welche neuen Erkenntnisse gibt es in der Schlaganfallmedizin? 

Die wesentliche Neuerung in der Schlaganfallmedizin ist der Einsatz der Mechanischen Thrombektomie in der Akuttherapie – also in den ersten Stunden nach einem Schlaganfall. 

Diese Therapie ist zwar schon lange verfügbar, es fehlte jedoch immer an Studiendaten. Inzwischen belegen jedoch etliche Studien, dass diese Therapie in geübten Händen für Patienten segensreich ist. 

Der wesentliche technische Fortschritt besteht in der Entwicklung von Katheter-Systemen, mit denen es gelingt, eine Thrombektomie durchzuführen. Auf dem Materialsektor hat es deutliche Fortschritte gegeben: Neue Katheter, die sogenannten Stent-Retriever, ermöglichen es einen Thrombus – ein Blutgerinnsel – aus einem hirnversorgenden Gefäß zu entfernen. Damit steht die Schlaganfall-Therapie jetzt auf soliden Füßen.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview führte Bringfriede Trester. 

 

Bilder: DRK Kliniken Berlin|Köpenick; Robert Przybysz/stock.adobe.com