Fleisch der Zukunft

Heuschrecke auf Spieß
Heuschrecken dienen wahrscheinlich bald als ein wichtiges Nahrungsmittel

Der weltweite Fleischbedarf steigt. Doch die Tierzucht muss sich in Zukunft stark verändern, um für den Planeten und die Menschheit noch gesund zu sein. Ist Fleisch ein zukunftsfähiges Nahrungsmittel? Muss es von Rindern und Schweinen kommen?

Noch nie war Fleisch so billig und in solchen Massen verfügbar wie heute. Laut Weltagrarbericht hat sich die globale Fleischproduktion in den vergangen 50 Jahren von 78 auf 308 Millionen Tonnen pro Jahr vervierfacht. Seit kurzem ist der Anstieg leicht rückgängig. Die Zahl der Veganer und Vegetarier wächst. Trotzdem gibt es keinen Grund zur Entwarnung.

„Prognosen gehen davon aus, dass der weltweite Verbrauch (und die Produktion) von Fleisch von 2000 bis 2030 um 70% und bis 2050 um 120% steigen wird. Dabei werden die Erzeugung und der Verbrauch von Schweine- und Geflügelfleisch viel schneller zunehmen als von Rind- und Schaffleisch. In den letzten Jahren haben sich große und industriell organisierte Viehhaltungsstrukturen stark ausgebreitet; dieser Trend wird sich fortsetzen. Diese Systeme führen zu einer Konzentration organischer Dünger. Obwohl Mist und Gülle wertvolle Nährstoffquellen sind, führt ihre konzentrierte Ausbringung zu erheblichen Emissionen und schädigt Luft, Boden und Wasser“, heißt es im Weltagrarbericht.Kühe hinter Zaun

Wir brauchen kleine Systeme

FerkelMehr als 80 Prozent der Deutschen wünschen sich, dass Tiere die als Lebensmittel geschlachtet werden, zuvor ein gutes Leben haben. In Umfragen gibt jeder Zweite an, auch bereit zu sein dafür etwas mehr zu zahlen.

Um dieses Ziel zu erreichen, wäre eine ökologisch ausgerichtete Kreislaufwirtschaft erforderlich, die klimaschonend produziert. Als Schlüssel dazu gelten Diversität beim Anbau, die Förderung regionaler Erzeugung und die Versorgung auf Basis kleinteiliger Landwirtschaft.

Die Lebensmittelproduktion kann nicht unendlich wachsen, wenn sie gesund bleiben soll, und sie muss dort stattfinden, wo wir leben. Für einen Großteil unserer Grundnahrungsmittel ist das realistisch. Für die Fleischproduktion hieße es: Auf übersichtlichen Höfen mit relativ wenigen Tieren wird nachhaltige Tierhaltung betrieben.

Beim Konsum von Fleisch- und Milchprodukten müssten sich die Verbraucher dafür zurückhalten und diese Nahrungsmittel als Genussmittel begreifen, die man sich ausnahmsweise gönnt. Keine neue Idee: Noch vor wenigen Generationen waren kleine Höfe ohnehin die Regel und der „Sonntagsbraten“ etwas Besonderes.

Inzwischen stammen jedoch rund 98 Prozent der in Deutschland verzehrten Hühner und Schweine aus Massentierhaltung. Bäuerliche Kleinbetriebe und Biohöfe machen hierzulande zusammen die restlichen 2% aus. In den 1980er Jahren war das Verhältnis noch genau umgekehrt. Ein erneutes Umdenken ist dringend erforderlich!

Die Dinge ändern sich

Das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) gilt als weltweit bedeutendste agrarpolitische Veranstaltung. Seit 2009 findet sie im Rahmen der Internationalen Grünen Woche in Berlin statt. Auf der hochkarätig besetzten Konferenz treffen sich Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt, um über zentrale Zukunftsfragen der globalen Landwirtschaft und Welternährung zu diskutieren. 135 der 199 Länder der Welt haben bereits am GFFA teilgenommen, das in diesem Jahr unter dem Motto stand: „Die Zukunft der tierischen Erzeugung gestalten – nachhaltig, verantwortungsbewusst, leistungsfähig“.

Selbst wenn wir einfach weitermachen wie bisher: Produktionssteigerungen zur Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung können nur durch Nutzung der vorhandenen – begrenzten – Rohstoffe erfolgen.  

Dies erfordert jedoch einen nachhaltigeren und effizienteren Umgang mit Ressourcen wie Wasser und Boden. Auch Tiergesundheit, Tierwohl und die Eindämmung von Antibiotikaresistenzen spielen dabei eine wichtige Rolle.

„Die Agrarbranche muss sich darauf einstellen, dass sich die Dinge ändern: Sie müssen all Ihre Geschäftspläne auf Nachhaltigkeit ausrichten, sonst werden Sie vom Markt gefegt“, ermahnte

Ferkel sitzen auf den Boden

Bundesagrarminister Christian Schmidt die Gäste des internationalen Wirtschaftspodiums. Der Minister verurteilte Produktionsmethoden, die nur auf schnelles Geld abzielen, aber gesamtgesellschaftlichen Schaden anrichten – wie etwa der unverantwortliche Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, der zur Entwicklung von Multiresistenzen bei Tieren und Menschen führen kann.

Selbst Verbrauchern, deren Interesse sich nicht in erster Linie am respektvollen Umgang mit Tieren orientiert, dürfte dieser Punkt nicht gleichgültig sein: Wenn wir im Ernstfall Antibiotika brauchen, wirken diese vielleicht nicht mehr, weil wir sie unserem Körper mit zunehmendem Fleisch- und Wurstkonsum ständig zugeführt haben.

Antibiotika sind keine Lösung

In den überfüllten Ställen sind Infektionskrankheiten an der Tagesordnung. Antibiotika halten die Tiere bis zur Schlachtung am Leben. Darüber hinaus begünstigen sie eine schnelle Mast, weil sie einen Teil der gesunden Darmbakterien vernichten. Das senkt den Energieverbrauch der Tiere, die damit zwar krankheitsanfälliger sind, aber schneller mehr Fleisch liefern.

Antibiotika werden häufig gleich ins Wasser der Tränke gegeben und somit nicht nur von kranken sondern auch von gesunden Tieren aufgenommen. Außerdem können Reste davon ungewollt in den Tränkanlagen haften bleiben. Somit können sich resistente Bakterien bilden, die in den engen Ställen leicht von Tier zu Tier weitergegeben werden. Teilweise finden sich diese Keime dann auf den Endprodukten wieder – dem säuberlich in Folie eingeschweißten Fleisch, das wir essen.

Nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation WHO werden mittlerweile mehr Antibiotika an gesunde Tiere als an kranke Menschen verabreicht. Um die Menge an Antibiotika zu senken, gibt es nach Aussage der WHO nur einen Weg: Zunächst muss der Bedarf gesenkt werden. Mit anderen Worten: Wir brauchen andere Haltungsbedingungen.

Von Bauernhofidylle sind auch Bio-Betriebe oft weit entfernt. Allerdings ist das dort produzierte Fleisch definitiv weniger belastet. Antibiotika bekommen Bio-Tiere nur, wenn sie wirklich krank sind. Eine Behandlung pro Jahr ist erlaubt, sonst muss das Fleisch als konventionelles Erzeugnis verkauft werden. Das sind Standards, an die sich alle Bio-Erzeuger halten müssen – es aber leider nicht immer tun. Denn sowohl bei der konventionellen, als auch bei der Bio-Tierhaltung ist ein gutes Stallmanagement Voraussetzung dafür, dass die Tiere gesund bleiben.

Tierwohllabel nur Augenwischerei?

Auf der diesjährigen Grünen Woche stellte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft seine Pläne zur Schaffung eines „Tierwohllabels“ vor. Ein staatliches Tierwohllabel versetze die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Lage, Produkte, bei deren Erzeugung höhere als nur die gesetzlichen Mindeststandards eingehalten wurden, zu erkennen und dies  in die Kaufentscheidung einzubeziehen, heißt es aus dem Bundesministerium.

Bisher herrscht über die Kriterien jedoch weitgehend Uneinigkeit. Zudem soll die Teilnahme am staatlichen Gütesiegel freiwillig sein. Die Umsetzung soll in drei Stufen erfolgen. In der ersten hätte ein 100 Kilo schweres Schwein gerade mal einen Quadratmeter mehr Platz. Geregelt werden soll darüber hinaus der Zugang zu Raufutter, wie Stroh, und Beschäftigungsmaterial – das eine EU-Richtlinie schon seit Jahren vorsieht.

Der Beton-Spaltenboden, der die Gelenke der Schweine nachweislich schädigt, wäre trotz „Tierwohllabel“ nicht verboten. Die Ringelschwänze der Schweine dürften weiterhin ohne Betäubung gekürzt werden.

Die Organisation "Vier Pfoten" sprach mit Blick auf die Kriterien daher von "Verbrauchertäuschung und Betrug". Sie brächten keine wesentlichen Verbesserungen für die Tiere mit sich.

Der Präsident des Tierschutzbundes Thomas Schröder findet die Ankündigung des Tierschutzlabels unseriös: „Solch ein Vorpreschen mit einem unfertigen Label belastet das Vertrauen in den Prozess und in das Label selbst schon im Grundsatz.“ Offen seien etwa Fragen zur Kontrolle, Zertifizierung, Beratung und zu nötigen Fördergeldern für Landwirte.

Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch meldete sich zu Wort: „ Wir brauchen klare gesetzliche Vorgaben für die Erfassung und Verringerung von Krankheiten in den Ställen. Denn auf manchen Höfen gibt es massive Gesundheitsprobleme, und auf anderen so gut wie keine – und zwar unabhängig von der Betriebsgröße, egal ob bio oder konventionell.“

Kühe

 

Protein aus Insekten

Eine Massenerzeugung von Fleisch verbietet sich angesichts des Wunsches nach einem respektvollen Umgang mit Tieren und einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Ressourcen unseres Planeten. Eins ist klar: Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung kann Fleisch nicht die Antwort auf den Hunger in der Welt sein. Auf Dauer werden wir beim Essen völlig umdenken müssen.

Das Essen der Zukunft wird mehr pflanzliche Produkte enthalten, mehr Algen und mehr alternative Proteinquellen – z.B. aus Insekten. Der falsche Weg dabei ist, Europäern einfach geröstete Käfer und Maden anzubieten.

Denn so sehr man auch dafür wirbt: Insekten in unveränderter Form zu essen passt nicht zu unseren kulturellen Ursprüngen und ruft daher bei den meisten Menschen der westlichen Welt einen mehr oder minder starken Ekel hervor.

alternative nahrung

 

Denkbar wäre jedoch, dass wir Burger oder Schnitzel probieren, deren Proteinbestandteile ursprünglich von Insekten stammen. Solche Produkte könnten unseren Bedarf an Eiweiß, Eisen und B-Vitaminen decken und nicht zuletzt auch unsere Lust auf Fleisch stillen. Unter dem Aspekt der Lebensmittelsicherheit spricht nichts dagegen – in Punkto Nachhaltigkeit spricht einiges dafür.

Derzeit ist die Tierindustrie für mehr Treibhausgase verantwortlich als der gesamte weltweite Verkehr. Schweine stoßen bis zu 100 Mal mehr Treibhausgase aus als Insekten, Rinder sogar bis zu 300 Mal mehr.

Insekten brauchen  weniger Wasser und weniger Fläche zum Leben. In Massentierhaltung fühlen sie sich – ganz anders als Säugetiere – ausgesprochen wohl. In übereinandergestapelten Kisten auf engstem Raum zu leben und durcheinander zu krabbeln ist für Würmer, Käfer und Maden artgerechte Haltung.

Und auch beim Futter sind Insekten genügsam. Kein Nutztier verwertet seine Nahrung so effizient. Um 1 kg essbares Gewicht zu produzieren, brauchen Insekten nur 2 kg Futter. Schweine brauchen dagegen fast 9 kg, Rinder 25 kg.

 

Grillen statt Scampis

„Es ist eine ethische Notwendigkeit die normalen Fleischprodukte durch Insekten zu ersetzen“, meint Arnold van Huis, der für die Weltorganisation der Vereinten Nationen seit Jahren die Möglichkeiten der Ernährung durch Insekten untersucht.

Die Weltgesundheitsorganisation macht sich schon seit Jahren für den Verzehr von Insekten stark. Die kleinen Tierchen liefern hochwertiges Eiweiß. Ihre Zucht ist klimafreundlich und umweltschonend.

Natürlich muss die Lebensmittelsicherheit für jede einzelne Art geklärt werden. Darüber hinaus ist die Ablehnung jedoch reine Kopfsache. In Asien und Afrika essen zwei Milliarden Menschen regelmäßig Insekten. Rund 2000 Insektenarten kommen auf ihrem Speiseplan vor.

Warum genießen wir etwa Scampis, aber keine Grillen? Das Tabu ist erlernt und unterliegt teilweise auch der Mode einer Zeit. So waren etwa Innereien vor wenigen Generationen in Europa noch eine Delikatesse, während sich heute viele davor ekeln.

Seit Januar 2018 sind bestimmte Insekten als Lebensmittel auch in Deutschland erlaubt. Bisher gab es innerhalb der EU keine klare Regelung zum Verzehr von Insekten. In den Niederlanden und Belgien siegte schon lange der Appetit auf Neues. Dort stehen Insektengerichte schon seit Jahren auf der Speisekarte mancher Restaurants. So schmecken z.B. Seidenraupen aus dem Wok leicht nussig und passen zu asiatischen Gerichten. Grillen ersetzen Meeresfrüchte und Mehlwürmer werden wie Pinienkerne geröstet über den Salat gegeben.

Langfristig wird es nicht mehr darum gehen, ob wir Insekten essen wollen, sondern darum, dass wir uns daran gewöhnen müssen, wenn wir auf tierische Proteine nicht verzichten wollen. Denn natürlich geht es auch ganz ohne Fleisch.

 

Essen wird individueller

Die aktuelle Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2030?“ des Unternehmens Nestlé ergab: 52 Prozent der Befragten können sich, als Ergebnis einer ressourcenschonenden Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft, damit anfreunden Insekten und Algen zu essen, solange die Produkte eine Darreichungsform haben, die an bekannte Speisen, und nicht an Insekten erinnert.

Als ressourcenschonendes Nahrungsmittel wurde auch In-vitro-Fleisch in Betracht gezogen. Dabei handelt es sich um Fleisch, das im Labor aus Zellkulturen erzeugt wird. Dafür benötigt man nur wenige Ausgangszellen von Tieren. Das Fleisch selbst wächst in einer Nährlösung.

Die Zukunftsvision, die eine Mehrheit der Studienteilnehmer befürwortet, ist eine ressourcenschonende Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft. Sie vereint sowohl ökologische Aspekte als auch die Möglichkeit, das Essen selbst zuzubereiten. Die Befragten sind der Meinung, dass unsere Ernährung künftig stark von ethischen Aspekten beeinflusst und vom Wunsch abhängig sein wird, eigenverantwortlicher mit anderen Lebewesen und mit der Umwelt umzugehen.

Umweltschutz, Bio-Produkte und regionale Herkunft liegen weiter im Trend. In unserer immer stärker vernetzten Welt werden Sammelbestellungen leichter – unter anderem auch um Nahrungsmittel in der gewünschten Qualität zu erhalten.  

Das Essverhalten, die Vorlieben, Abneigungen und Unverträglichkeiten werden dabei immer individueller – und lassen sich durch unsere Vernetzung auch immer leichter und schneller kommunizieren. So wird es in Zukunft denkbar, Ernährungsgewohnheiten und Vorlieben per App an ein Restaurant zu senden, sodass die Küche sich schon vor dem Besuch auf die Wünsche des Gastes einstellen kann.

Elisabeth Voigt

Algen zum Essen

 

 

 

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